Was soll Buzz? Google in der strategischen Klemme

Gestern wurde auch bei mir Google Buzz freigeschaltet, dessen Launch am vorgangenen Dienstag Abend ja ein dem Namen entsprechendes Medienecho ausgelöst hat. Ich will an dieser Stelle keine langwierige Bewertung vornehmen, das haben andere bereits getan (eine Übersicht gibt es z.B. hier). Interessant fand ich aber, dass neben der hierzulande üblichen eher vorsichtigen Aufnahme des neuen Dienstes auch international insbesondere auf die Datenschutzproblematik hingewiesen wurde (auf die Google übrigens bereits bemerkenswert schnell reagiert hat). Zudem war in den meisten Artikeln eine Skepsis zu erkennen, ob sich Google Buzz gegen die Konkurrenz aus Facebook und Twitter durchsetzen bzw. etablieren kann. Häufig wird darauf verwiesen, dass ein Buzz eine Zusammenführung bestehender Funktionen sei, aber das “Killer-Feature” fehle. Dem schließe ich mich an.

Für Google ist der Launch eines solchen wichtigen Dienstes ohne wirklichen Überraschungseffekt eher ungewöhnlich. Normalerweise ist das Unternehmen eines der kreativsten im Web und verblüffte bisher regelmäßig mit seinen innovativen Ansätzen (so z.B. Google Goggles). Warum bringt Google also “Yet another Social Media Service” heraus?

Weil Google in einer strategischen Klemme sitzt.

Googles Geschäftsmodell ist es, Werbung auf den eigenen Diensten (Suche, Gmail, Youtube usw.) zu verkaufen. Das passiert hauptsächlich im Umfeld der Suche oder der Anzeige der Inhalte (die im Zweifel über die Suche gefunden wurden). Das funktioniert aber nur, wenn die Inhalte frei im Web oder in den Google-Diensten verfügbar und damit indexierbar sind. Sind sie es nicht, bekommt Google ein Problem. Und genau das passiert gerade: Googles Geschäftsmodell wird derzeit an zwei Fronten angegriffen.

Facebook ist mit 400 Millionen aktiven Nutzern zu einer Größe gewachsen, dass es ein Netz im Netz darstellt. Unternehmen haben Fanseiten oder Gruppen, die Nutzer ihre Profile. Facebook-Nutzer gebrauchen die internen Suchmöglichkeiten und tauschen sich über Nachrichten und Statusupdates aus – ohne Google Suche. Die einzige Werbung, welche die Nutzer sehen, ist die von Facebook geschaltete – Google bleibt auch hier außen vor. Ähnlich verhält es sich mit Twitter. Die Nutzerzahlen sind nicht so beeindruckend (75 Millionen, davon 15 Millionen regelmäßig aktiv), aber die Meinungsführer und Multiplikatoren sind dort vertreten und twittern die neuesten Nachrichten schneller, als Nachrichten-Webseiten ihre Artikel publizieren können – und damit Google News diese aggregieren kann. Webseiten oder Blogs werden durch Follower empfohlen, die Google-Suche braucht nicht bemüht zu werden. Wenn Twitter und Facebook weiter so wachsen, kann das für Google zu einem echten Umsatzproblem führen.

Apple wächst ebenso und hat schon 175 Millionen Nutzer beim iTunes Store. Mit iPad und iBooks werden es wahrscheinlich noch mehr. Wer digitale Musik, Filme oder in Zukunft Bücher sucht, tut das bei iTunes bzw. iBooks und kauft diese auch dort. Der Prozess läuft in einem geschlossenem System, welches vollständig von Apple kontrolliert wird. Google hat dabei keine Möglichkeit, irgendwo einzugreifen. So ist auch zu verstehen, warum Google sich stark im Android-Konsortium für das mobile Betriebssystem engagiert und letztens mit dem Nexus One sogar ein eigenes Smartphone herausgebracht hat: Um das Ende der Verwertungskette, die Endgeräte, nicht vollständig der Konkurrenz zu überlassen. Denn wer die Programme, Formate oder Schnittstellen am Ende der Kette kontrolliert, hat auch die Vorstufen im Web in der Hand. Und kann damit über die Schaltung von Werbung dort entscheiden.

Die Zukunft könnte für Google weitere Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Dem Vernehmen nach bastelt Facebook an einem eigenen Mailsystem, was sicher viele Nutzer zum Wechsel von Gmail weg ganz zu Facebook bewegen würde. Und sollten Apple und Facebook einmal auf die Idee kommen, den iTunes Store zusätzlich in Facebook zu integrieren (was durchaus für beide Seiten Sinn machen würde), wäre Google komplett aus dem System ausgegrenzt. Keine schönen Aussichten für den Suchmaschinenprimus.

Bei der Bedrohung durch Apples Übernahme der digitalen Verwertungskette hat Google mit Android also schon reagiert. Google Buzz ist jetzt der Versuch, gegen die Vorherrschaft von Facebook und Twitter bei den sozialen Netzwerken etwas entgegen zu setzen. Und da Facebook bereits einen riesigen Vorsprung bei den Nutzern hat und mit beeindruckenden Raten weiter wächst, muss Google alle Möglichkeiten ausschöpfen, um schnell auf eine ausreichende Nutzerbasis zu kommen. Buzz ist der nächste Versuch, und wenn er nicht funktioniert, wird es weitere geben. Ich bin gespannt, was der Suchmaschinengigant sich noch so einfallen lässt.