Google StreetView – Das Problem sind nicht die Fotos.

Die Diskussion über Google Street View geht ja mittlerweile schon ein paar Tage, die Argumente sind mittlerweile wiederholt ausgetauscht worden. Den StreetView-Gengern hält die Netzgemeinde der digital natives nicht überraschend vor, dass diese das Prinzip der „digitalen Öffentlichkeit“ nicht verstehen (Sascha Lobo), es in anderen Ländern schon lange StreetView gibt und dort keine Zunahme der Einbrüche verzeichnet wird (meedia.de) oder dass das Abfotografieren von Häuserfassaden nun wirklich keine Privatsphäre verletze (so ziemlich alle).

Diese Argumente greifen meiner Meinung nach zu kurz.

Ich sehe ebenfalls kein Problem in der Tatsache, dass nun ein paar Häuser noch detaillierter im Web zu sehen sind (das gibt’s mit der 3D-Ansicht bei Bing ja auch schon eine ganze Weile). Für mich ist das wirklich Beunruhigende die zunehmende Verknüpfung von an sich unkritischen Daten zu sehr aussagekräftigen Massendatensammlungen und die Intransparenz und fehlende Kontrolle bei der Nutzung derselben. Nicht erst seit gestern werden Adressdaten, demografische Statistiken und Verhaltensdaten (z.B. durch Zahlungsausfälle oder Betrug bei Versandbestellungen) zusammen mit den persönlichen Daten zum Scoring bei der Einschätzung der Kreditwürdigkeit genutzt (sehr ausführlich beschrieben in dieser Studie). Dadurch kann es vorkommen, dass ein eigentlich einwandfreier Antragsteller keine Kreditzusage erhält, weil er in der falschen Straße wohnt oder seine Nachbarn ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Durch die mangelnde Transparenz des Scoring-Algorithmus und der zu Grunde liegenden Daten ist es im Einzelfall fast unmöglich, das Zustandekommen des fatalen Scorings nachzuvollziehen, geschweige denn das Ergebnis zu ändern.

Google StreetView wird nun ein weiterer Baustein in diesem Puzzle sein. Und ich weiß nicht, ob das so gut ist. Wessen Vermieter bei der Fassadenrenovierung etwas im Rückstand ist oder das neue Grafitti erst nach der Vorbeifahrt des StreetView-Autos entfernt hat, der könnte bald ein Problem bekommen. Oder diejenigen, welche das heruntergekommende Haus liebevoll saniert oder abgerissen und neu aufgebaut haben – werden diese jetzt mit dem Kreditsachbearbeiter diskutieren, dass ihr Haus mit dem Foto im Web nichts mehr zu tun hat? Ich bin mir sicher, dass die StreetView-Bilder sehr bald von Dienstleistern ausgewertet und die daraus gewonnenen Daten verkauft werden: Dann dürften sich auch Anrufe bei Hausbesitzern häufen, ob sie nicht mal wieder ihr Haus streichen möchten oder ob ihre Einfahrt nicht eine neue Pflasterung gebrauchen könnte. Schöne neue digitale Welt.

Das Problem an StreetView ist also nicht, dass Bilder von Häusern nun öffentlich online zugänglich sind. Das Problem liegt darin, wie die darin enthaltenen Informationen als Massendaten ausgewertet, verknüpft und benutzt werden. Die Auswirkungen daraus gehen weit über eine wie auch immer definierte digitale Öffentlichkeit hinaus. Die große Herausforderung besteht darin, Regeln und Grenzen zu finden, wie solche Daten genutzt werden dürfen, ohne die unzweifelhaft positiven und innovativen Seiten von Google StreetView völlig auszubremsen.

Eine konstruktive Diskussion über dieses Thema – welches ja auch unter dem Stichwort Facebook relevant ist – ist überfällig. Ich hoffe, sie wird bald geführt, bevor populistische Entscheidungen ungewollte Fakten setzen.