Apples nächster genialer Schachzug

In den letzten Tagen ging eine Meldung rum, die meiner Meinung nach in die Kategorie „kleine Ursache, große Wirkung fällt“ und die erstaunlich wenig Wiederhall fand: Apple prüft die SIM-Integration ins iPhone.

Ich muss zugeben, dass diese Nachricht zunächst nicht so sonderlich spannend klingt, auch ich habe die Meldung zunächst unter der Rubrik „eine weitere Funktionserweiterung für das iPhone“ abgelegt. Am Wochenende habe ich mir nun aber noch einmal in Ruhe den Artikel von Dušan Živadinovic in der c’t 24/2010 durchgelesen. Erst da ist mir die Tragweite der Entwicklung bewusst geworden: Apple revolutioniert (mal wieder) eine Branche – diesmal die der Telekommunikationsanbieter.This is the icing on the cake

Was ist passiert?

Laut Berichten prüft Apple derzeit, die SIM-Karte in zukünftige Versionen des iPhones zu integrieren. Das hat zur Folge, dass die Aktivierung und Provisionierung des Telefons (also die Einstellung mit den Daten des Service Providers) komplett über iTunes abgewickelt werden können. Das umständliche und zeitaufwändige Verschicken der SIM-Karte entfällt.

Das klingt zunächst danach, dass die Prozedur des Freischaltens für den Smartphone-Nutzer deutlich einfacher wird – kein Papierkram mehr, kein Warten auf die SIM-Karte – einfach iPhone über iTunes aktivieren, Provider auswählen und los geht’s. Das wird sicherlich auch so sein, aber ich bezweifle, dass Apple den nicht unerheblichen Aufwand, der mit dieser Technologie einhergeht, nur für den vergleichsweise kleinen Sprung in der Benutzerfreundlichkeit treibt. Der Punkt ist ein anderer:

Apple entkoppelt die Nutzer von den Service Providern.

Die Carrier bekommen nur noch die Daten der Kunden, welche sie für die Zuordnung von Handy und Rufnummer brauchen. Den kompletten Rest (Verwaltung und Abrechnung) übernimmt Apple mit iTunes. Ein Abrechnungsprozess besteht ja bereits durch die Medien- und App-Käufe, zudem haben 180 Millionen Nutzer bereits ihre Kreditkartendaten bei iTunes hinterlegt. Das hat weitreichende Folgen, eröffnet es doch Apple völlig neue Möglichkeiten.

Apple bestimmt die Mobilfunk-Tarife

Dušan Živadinovic verweist seinem oben bereits erwähnten Artikel auf ein Patent, welches Apple bereits 2006 angemeldet hat und das eine „Dynamic Carrier Selection“ beschreibt. Damit können Nutzer abhängig von Ort und Zeit den jeweils günstigsten Anbieter wählen. Das ist sicher eine Möglichkeit – ich kann mir aber folgendes, weitergehendes Szenario vorstellen: Apple kauft sich Übertragungsleistung der Carrier, also quasi riesige Minutenpakete, zu günstige Konditionen ein. Dadurch dass die Abrechnung von Apple übernommen wird, können die Carrier sicher preisgünstig anbieten. Mit der eingekauften Kapazität im Rücken kann Apple nun eigene Tarife anbieten: Die Nutzer schließen einen Vertrag mit Apple, rechnen über iTunes ab und Apple setzt im Hintergrund seine gekauften Kontingente gewinnmaximierend ein. Die Nutzer erfahren nicht, mit welchem Carrier sie gerade telefonieren, die Carrier wissen nicht mehr, wer genau ihre Netze eigentlich nutzt – sie erhalten nur eine kumulierte Aufstellung von Apple. Bei den Apple-üblichen Größenordnungen dürfte sich dieses Geschäftsmodell sehr gut rechnen. Aber es geht noch weiter:

Apple bringt iData

Will man heute sein iPad unterwegs über Mobilfunk nutzen, so muss man dafür einen eigenen Vertrag mit separater SIM-Karte und Telefonnummer schließen. Das ist eigentlich völlig übertriebener Aufwand, denn man braucht ja nur eine Datenverbindung, es ruft ja keiner das iPad an (und wenn doch, dann über Facetime – also VoIP). Apple könnte also reine Datentarife anbieten, die aufgrund des geringeren Aufwands bei Verwaltung und des Verzichts auf Sprachverbindungen deutlich günstiger sein düften als bisher. Und so kann Apple eine geräteübergreifende Flatrate anbieten, bei der jegliche Nutzung der iPhones, iPads und Macs eines Nutzers über das gleiche iTunes-Konto zusammengefasst werden. iData sozusagen. Äußerst praktisch – aber es geht noch weiter:

Apple wird Payment-Provider

Heute sind Apple-Geräte über das iTunes-Konto mit dem Nutzer verknüpft. Damit können alle Käufe, die innerhalb iTunes getätigt werden, abgerechnet werden – nicht aber Käufe außerhalb des Apple-Shops. Die SIM-Integration ermöglicht Apple jetzt den nächsten entscheidenden Schritt: Wenn Anwendungen von Dritten (z.B. Webshops) durch die Abfrage des Soft-SIMs eine eindeutige Authentifizierung des Nutzers durchführen können, lässt sich die Bezahlung von Käufen auch über iTunes abwickeln. Soll heißen: Alles, was man über sein iPad oder iPhone kauft, kann man sehr einfach und bequem über iTunes bezahlen. Keine Eingabe von Namen, Adresse und Kreditkartennummern mehr, eine einfache Bestätigung der Verknüpfung mit dem eigenen iTunes-Konto reicht aus. Und das funktioniert sogar für das bislang noch nicht gelöste Problem der Bezahlung kleinster Beträge, dem Micropayment. Apple wird sich diese neue Dienstleistung sicher gut bezahlen lassen.

Die nächste Revolution

Wenn das mal nicht ein genialer Schachzug von Apple ist. Es steht noch die Frage aus, ob die Telekom-Carrier sehenden Auges bei diesem Spiel, welches sie noch weiter von den Kunden entfernt, mitmachen werden. Ich bin mir aber sicher, dass es bei Apples Marktmacht immer einen Anbieter geben wird, der die Verbindung mit Steve Jobs‘ Marketingmaschine eingeht. Und die anderen werden dann folgen müssen. Damit hat Apple nach iTunes und dem App-Store die nächste Revolution auf den Weg gebracht. Chapeau, Herr Jobs!

The Soft Factors of Social Media – featured by SlideShare

Ich habe mich sehr gefreut, als ich heute die Nachricht erhielt, dass meine Präsentation „The Soft Factors of Social Media Strategy“ (unschwer zu erkennen die englische Übersetzung der im vorherigen Post vorgestellten Folien) von den SlideShare-Redakteuren dazu auserwählt wurde, auf der SlideShare-Homepage „gefeatured“ zu werden. Sie steht also gerade jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, zusammen mit einigen anderen Präsentationen auf der Hauptseite des großen Präsentationsportals. Ich habe keine Ahnung, wie die Auswahl zustande gekommen ist, aber ich freue mich jetzt einfach mal.