In den sauren App-fel gebissen: Warum eine separate App-Strategie die Verlage in die Sackgasse führt

Apple hat diese Tage das neue Abo-Modell für seinen App-Store eingeführt (Pressemitteilung) und einmal mehr klar gemacht, wer auf der Apple-Plattform das Sagen hat: Steve Jobs und niemand anderes. Die Verlage müssen auf alle Abos, welche innerhalb des App-Stores abgeschlossen werden, 30% des Umsatzes an Apple abgeben. Wollen sie Angebote außerhalb des Stores anbieten, so dürfen diese die App-Store Entsprechungen nicht im Preis unterbieten.

Das iPad

Freie unternehmerische Entscheidungen sehen anders aus.

Es mag sein, dass die deutschen Verleger langsam merken, dass die anfangs bejubelte neue digitale Welt des iPads nun doch nicht die Rettung ihres Geschäfts darstellt. Denn im Gegensatz zur auf die Medien angewiesenen Bundesregierung, die sich ein Leistungsschutzrecht in den Koalitionsvertrag schreiben lässt, gehen Herrn Jobs bei der Führung eines der weltweit größten Unternehmen die Wünsche regionaler deutscher Verleger ziemlich weit am Allerwertesten vorbei.

Doch nicht nur die Abhängigkeit von Apple macht die Konzentration auf Zeitungs- oder Zeitschriften-Apps zu keiner guten Idee. Es sind zwei Gründe, warum reine App-Strategien auch ohne Apple-Diktatur langfristig scheitern werden:

1. Die Funktionalität von Apps und Webseiten konvergiert

Manchmal wünsche ich mir, dass Helmut Markworts Spruch „…und immer an die Leser denken“ ernster genommen würde. Das iPad hat zwar eine neue Art des digitalen Publizierens und Konsumierens möglich gemacht. Ich habe aber das Gefühl, dass die Verleger ihrer Euphorie übersehen, dass das traditionelle Surfen auf Webseiten mit den Tablets immer noch möglich (und bequemer denn je) ist. Aus Sicht der Leser müssen Apps daher deutlichen Mehrwert im Vergleich zu normalen, frei zugänglichen Webseiten bieten – sonst dürfte kaum jemand bereit sein, für eine App zu zahlen.

Zurzeit überwiegt oft noch die Neugier auf das Neue und das Spiel mit den neuen technischen Möglichkeiten, welche Apps gegenüber Webseiten bieten, um ein App-Abo abzuschließen. Mit der Verbreitung von HTML5 und den damit einhergehenden technischen Möglichkeiten (sehr schön bei www.thewildernessdowndown.com zu sehen) wird dieser Vorsprung aber schnell schmelzen und gut programmierte Webseiten werden Apps in Funktionalität und Lesekomfort kaum nachstehen. Das dürfte den Verkaufszahlen der Apps nicht zuträglich sein.

2. Die Erstellung von Apps wird zu aufwendig

Auf dem jüngst beendeten Mobile World Congress in Barcelona haben alle großen Hersteller neue Tablets vorgestellt, die meisten mit Android 3.0 (Honeycomb) als Betriebssystem. Langfristig werden Tablets mit Android genau wie jetzt bereits Smartphones gemessen in Stückzahlen den Marktführer Apple überholen. Um ausreichend Reichweite zu erzielen, müssen daher Apps für Android angeboten werden, und da gibt es ein Problem: Im Gegensatz zum iPad haben die Android-Tablets sehr unterschiedliche Bildschirmgrößen und damit Auflösungen. Um eine attraktive App zu liefern, muss diese auf die Anzeigengröße optimiert werden – und das ist bei der Vielfalt an Tablets einfach nicht darstellbar oder schlicht zu teuer.

Die Verlage müssten sich also entscheiden, viel Geld in die Programmierung der Apps zu stecken oder einen Teil der Zielgruppe nicht mehr (oder schlechter) zu bedienen. Beides kann nicht im Interesse der Verlage sein.

Was tun? Back to the roots

Was ist also die Lösung für eine erfolgreiche Pubblishing-Strategie, wenn es Apps nicht sind? Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, welche sogar gleichzeitig umgesetzt werden können:

A. Die bestehenden Webseiten werden zu „Mittlern von Lebensqualität und Nutzwert“ erweitert, wie es Walterpeter Twer, Verleger der Rhein-Zeitung, im W&V-Interview so passend formuliert und generieren so Umsatz mit Werbung und Dienstleistungen, welche im Zusammenhang mit dem eigentlichen Publikationsthema stehen (nachträgliche Anmerkung: Ähnlich hatte ich es ein einem der letzten Blogeinträge formuliert).

B. Oder man maximiert das Lese-Erlebnis, in dem man parallel zur normalen Webseite erweiterte Inhalte (andere Texte, hochauflösende Bilder) im Abonnement anbietet und das Ganze ohne Werbung in sehr hochwertiger Form präsentiert. Das Startup Treesaver zeigt, wie so etwas mittels HTML5 und Javascript funktioniert – im Web, für Tablets und sogar Smartphones (Demo hier, dazu ein (langes, aber interessantes) Interview mit einem der Günder auf YouTube).

Beides geht ganz ohne Apps. Für alle Plattformen, ganz ohne Umsatzbeteiligung und saure Äpfel.

Wasser predigen, Wein trinken – die Rheinische Post und ihre Interpretation des Leistungsschutzrechts [2. Update]

Die Rheinische Post (RP) aus Düsseldorf ist ja eine der angesehenen Zeitungen im Lande und natürlich auch Mitglied im Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der BDZV setzt sich seit geraumer Zeit für das Leistungsschutzrecht ein, das bekanntermaßen die redaktionelle Leistung der Verlage schützen soll. Der BDZV schreibt dazu:

„Täglich entstehen in deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen Tausende aufwendig produzierte Artikel, die im Internetzeitalter aber in Sekundenschnelle von Dritten ausschnittsweise oder komplett übernommen, verwertet und vermarktet werden können. Dieser kommerziellen Nutzung stehen die Verlage schutzlos gegenüber…“

Die RP scheint es aber selbst mit dem Leistungsschutz nicht so genau zu nehmen oder ein etwas anderes Verständnis davon zu haben: Letzte Woche hat Stefan Reinermann von r2medien aus Münster eine kleine Untersuchung zu den Facebook-Seiten der Fußball-Bundesliga Clubs erstellt und mich gebeten, eine Einschätzung der Kriterien Inhalt, Interaktion und Design zu geben. Den Text und das Chart hat Stefan dann verschiedenen Redaktionen zum Kauf angeboten, ich habe in meinem letzten Blogpost ebenfalls darauf hingewiesen. Die Reaktionen waren recht erfreulich, so veröffentlichten die Westfälischen Nachrichten gestern den Originaltext samt Chart sowohl in der Zeitung als auch im Web – hier zu lesen.

Das Erstaunen von Stefan (und mir) war dann groß, als wir heute auf den Webseiten der RP unsere Auswertung wiederfanden – allerdings mit anderem Text sowie den Ergebnissen der Auswertung auf eine Klickstrecke ausgedehnt. Als Autor stand ein Nicolas Berthold über dem Artikel. Von Stefan oder mir kein Wort (Screenshot des Artikels liegt vor).

Stefan wandte sich natürlich direkt an die Redaktion und erfuhr, dass der Artikel von einem freien Mitarbeiter stamme und er doch bitte seine Eingabe noch einmal per E-Mail schicken solle. Das tat er, und tatsächlich änderte die RP den Text und erwähnt nun Stefans Agentur r2medien und mich im Artikel. Stefans Hinweis, dass ihm als Urheber auch ein Honorar zustände, beantwortete die Rechtsabteilung abschlägig: Die Idee eines Rankings sei ja urheberrechtlich nicht geschützt und die Zahlen der Facebook-Fans sind auch frei abrufbar. Eine Übernahme eines urheberrechtlich geschützten Werkes sei hier nicht zu erkennen.

Hallo? Liebe RP, was ist das denn für eine Argumentation?

Natürlich kann jeder ein Ranking der Bundesliga-Vereine nach der Anzahl ihrer Facebook-Fans erstellen und dazu die Zahlen von den Facebook-Seiten abschreiben. Das ist keine einzigartige Idee und sicher nicht schützenswert. Wenn sich aber jemand die Mühe macht und dieses tut, dann darf ich nicht die Zahlen von ihm abschreiben, die eigens erstellten Bewertungen übernehmen, den Text umformulieren und dann so tun, als wäre er von mir. Das ist nichts anderes als die kommerzielle Nutzung von Werken Dritter, die im Zuge der Leistungsschutzrecht-Diskussion so angeprangert wird. Und im Gegensatz zu Google, das die Quelle klar nennt und ihr jede Menge Traffic liefert, wird hier weder das eine noch das andere getan.

Mir bleibt nur ein Kopfschütteln und die erneute Erkenntnis, dass die wohlformulierten Worte von Verbandsvertretern und das reale Handeln ihrer Mitglieder zwei sehr gegensätzliche Welten sind.

Update 04.02.2011: Eine E-Mail der Rechtsabteilung der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft mbH zeigt, dass die RP den entscheidenden Punkt nicht einsieht (oder nicht einsehen will). Mit der Korrektur des Artikels (Nennung von Stefan und mir im Text) sei die Angelegenheit erledigt, eine rechtliche Grundlage für weitere Forderung (= Anerkennung der Urheberschaft) wird nicht gesehen.

Es ist aus der Sicht der RP also nicht urheberrechtlich relevant, wenn ein Ranking mit einer Reihe selbstgewählter Kriterien erstellt und eine Bewertung aus der Sicht eines Experten vorgenommen wird. Da bin ich ja mal gespannt, aus was noch alles die RP in Zukunft schöne Klickstrecken macht.Die treiben bekanntlich die Klickzahlen und damit die Werbeerlöse nach oben.

Ach ja, und ich zitiere noch einmal von den Seiten des BVDZ: „Es steht einem jeden frei, das Angebot der Presseverleger anzunehmen, Leistungen der Online-Presse zu gewerblichen Zwecken zu vervielfältigen. Nur wer dieses Angebot für die Zwecke eigener Gewinnerzielung annimmt, muss dafür ein vertragliches Entgelt zahlen. Andersrum scheint das nicht zu gelten.

Update 07.02.2011: Heute hat sich Rainer Kurlemann, Chefredakteur von RP Online, per E-Mail bei Stefan Reinermann gemeldet und für die Übernahme des Artikels um Entschuldigung gebeten. Zudem ist er bereit, „…auch wenn die Rechtslage offenbar anders ist…“, das übliche Honorar für einen solchen Artikel zu bezahlen. Damit hat sich aus meiner Sicht die Vernunft in der Redaktion gegen die Sicht der Juristen im Verlag durchgesetzt. Schön, dass es das noch gibt.