Social Media führt: Analyse der Meldungen beim Flugzeug-Crash in San Francisco

Nicht von uns (mediamonitoring), aber dennoch sehr lesenswert: Die auf Airlines spezialisierte Beratung SimpliFlying hat die Social Media-Karriere des Flugzeug-Crashs in San Francisco (SFO) detailliert analysiert. Dabei zeigt sich, dass die Social Media Meldungen – insbesondere Twitter – an Schnelligkeit nicht zu überbieten sind und die ersten Twitterer sehr schnell und intensiv von den „traditionellen“ Berichterstattern kontaktiert und eingebunden werden.

Im weiteren Verlauf der Meldungen beweist sich der alte Ratschlag: Man sollte eine Social Media Vernetzung und Monitoring nicht erst aufbauen, wenn man es braucht – denn dann ist es zu spät. Gerade in der Krisenkommunikation sind die Social Media Kanäle Gold Wert, um eigene Informationen schnell in die Öffentlichkeit zu bringen.

Einfach mal durch die Folien klicken. Es lohnt sich!

Mary Meekers Internet Trends: Mal wieder wegweisend im wahrsten Sinne des Wortes

Mary Meeker von Kleiner Perkins Caufield Byers hat auf der D11 Conference die neue Version ihrer mittlerweile berühmten Internet Trends vorgestellt. Wer die Präsentationen nicht kennt: Es handelt sich dabei um die Zusammenstellung von Daten und Fakten rund um die Nutzung des Internets, intelligent verknüpft und interpretiert. Meist ergeben sich die spannenden Schlüsse und Trends daraus, dass alte und neue Trends oder Märkte verglichen werden und damit Aussagen über wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen getroffen werden.

Die aus meiner Sicht interesantesten Aussagen sind diesmal:

  • Die anteiligen Werbeerlöse sind bei Print zurzeit noch höher als die anteilige Nutzung, bei mobile ist es umgekehrt: Es ist zu erwarten, dass Print weiter verliert und mobile deutlich hinzugewinnt.
  • Sharing von Informationen hat erst begonnen. Fotos und Videos waren erst der Anfang, jetzt folgen Sprache und Daten.
  • Die Nutzer anderer Länder teilen sehr viel mehr Inhalte als wir Deutschen. Darum werden Angebote rund um das Sharing weltweit geradezu explodieren.
  • Mobile Nutzung boomt weiter und hat teilweilse bereits die Desktop-Nutzung überholt.
  • Webangebote müssen daher zwingend mobiles Geschäft aufbauen, wollen sie nicht verlieren.
  • Nach nur drei Jahren werden schon genauso viele Tablets gekauft wie Desktops und Notebooks.
  • Wearable Computing ist das „next big thing“ und wird wahrscheinlich in den Stückzahlen Smartphones und Tablets deutlich übertreffen.
  • Mittlerweile setzt China viele Trends. Und hier boomt der Einsatz von QR-Codes(!).

Besonders bemerkenswert finde ich die Analyse der menschlichen Innovationstreiber des US-Marktes und der Schluss daraus – gerade wenn man überlegt, wie die Diskussion hierzulande geführt wird.

  • In den USA werden die Innovationen im Netz von der jungen Generation vorangetrieben.
  • 56% der US Top 25 High Tech Unternehmen wurden von Nachfahren erster oder zweiter Generation der Einwanderer gegründet.
  • Darum: Die USA sollte sich Gedanken machen, ob sie genug hochqualifizierte Einwanderer haben (ein etwas anderer Ansatz als hierzulande).

Telekom, Drosselkom, Netzneutralität – Deutschland vergeigt die Zukunftschancen nicht nur im Netz

Die Diskussion um die Drosselungspläne der Telekom geht ja nun schon eine Weile, und der anfängliche Aufschrei ob der Begrenzung der Flatrate (und damit faktischen Preiserhöhung für manche Nutzer) wurde rasch ergänzt durch das Thema Netzneutralität. Denn die Telekom rechnet auf die nun begrenzte monatliche Datenrate ihre eigenen Angebote wie Entertain nicht an – und offeriert gleichzeitig anderen Unternehmen, den Traffic zu ihren Seiten im Rahmen von bezahlten „managed services“ ebenfalls aus der Zählung zu nehmen. Trotz der intensiven Diskussion im Netz scheint die Tragweite dieses Vorgehens noch nicht allen bewusst zu sein, was man immer wieder beim Lesen von Beiträgen auf Facebook & Co. feststellen kann.

Mir ist es daher wichtig, die Implikationen der Telekom-Strategie so einleuchtend wie möglich offenzulegen und damit zu zeigen, dass zum Einen die Beerdigung der mit dem sperrigen Wort „Netzneutralität“ umschriebenen Gleichbehandlung der Angebote im Netz durch die Zugangsprovider ganz reale Auswirkungen auf alle hat und zum anderen nicht nur kurzfristige Schäden drohen, sondern ganz grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Gefahr ist.

Warum der Aufschrei bei der Telekom?

Ganz klar: Wenn ein Wald- und Wiesenprovider die gleichen Pläne veröffentlicht hätte, würde sich kaum jemand daran stören. Die Telekom hat aber über 45% Marktanteil bei den DSL-Anschlüssen und ist damit unumstrittener Marktführer. Darüber hinaus bündelt sie häufig den DSL-Anschluss mit Telefon und/oder Mobilfunk, sodass ein Wechsel großen Aufwand für Kunden bedeutet. Und es fragt sich, ob ein Wechsel zu einem anderen Provider überhaupt etwas bringt. Denn es wird auch gemutmaßt, dass die Telekom nur der Vorreiter bei dieser Maßnahme ist und die anderen Provider nachziehen werden, sobald der Pulverdampf sich verzogen hat.

Darum ist der Kampf gegen die Pläne auch so verbittert. Grundsätzlich hat die Telekom als unabhängiges Wirtschaftsunternehmen jedes Recht, ihre Produkte so zu gestalten, wie sie will. Zusammen mit der Marktmacht und der vermuteten Ausbreitung auf den Rest der Branche wird aber ein Präzedenzfall daraus, der weitreichende Auswirkungen letztendlich auf die Zukunft des Standortes Deutschland hat.

Internet goes Kabelfernsehen

Eine Drosselung der Datenmenge pro Monat ist ein reine monetäre Sache, sozusagen eine Preiserhöhung. Das ist nicht schön, aber legitim. Das eigentliche Problem ist die Tatsache, dass bestimmte Angebote wie Telekoms Entertain – oder die „managed services“ von Dritten – nicht bei der Ermittlung des Datenverbrauchs mitzählen. Der Nutzer erhält dann sozusagen zwei Pakete: Eine echte Flatrate für Entertain (und/oder andere Angebote Dritter) und ein begrenztes Volumenpaket für den Rest des Internets. Denkt man diesen Ansatz zu Ende, dann kommt dabei ein Internet nach Art des Kabelfernsehens heraus: Jeder Anbieter hat unterschedliche Pakete im Angebot, unter denen man dann auswählen kann. Man muss sich also nicht nur für Bandbreite, sondern auch das Datenvolumen pro Monat und die Freipakete entscheiden. So könnte die Telekom Entertain, Spotify und Facebook im Angebot haben, Vodafone Google und Microsoft und O2 Apples iTunes sowie Twitters Musikdienst – diese Dienste gibt es dann als echte Flatrate. Das letzte Paket umfasst das restliche Internet – gedrosselt.

Die Drosselung als Preisetikett

Die Folge dieser Paketschnürerei ist perfide: Obwohl es für manche Nutzer mit dem derzeitigen Datenvolumen vieleicht rational keinen Grund gibt, schleicht sich beim Surfen ein Gedanke ein: Jeder Klick auf eine Webseite oder einen Download außerhalb der Freipakete kostet plötzlich etwas – nämlich einen Teil des Freivolumens. Und es könnte ja sein, dass man gegen Ende des Monats der Volumengrenze nahe kommt und dann entweder für weiteres schnelles Surfen bezahlen muss oder seinen Internetanschluss aufgrund mangelnder Geschwindigkeit quasi nicht mehr gebrauchen kann. Die Folge ist, dass im Zweifel die Dienste aus den Paketen gegenüber ähnlichen „freien“ Angeboten vorgezogen werden. Also Spotify anstatt Rdio, YouTube statt Vimeo usw.

Innovationen werden erdrosselt

Das ist genau das Verhalten, was sich die Anbieter der „managed services“ wünschen. Aus ihrer Sicht ist das großartig, es ist allerdings für den Rest des Internets verheerend. Denn bestehende und insbesondere neue Dienste, gerade solche mit großem Datenhunger, werden es extrem schwer haben, sich durchzusetzen – denn besonders ihre Nutzung zahlt voll auf das Freikontingent des Anschlusses ein. Jeder, der schon einmal mit YouTube-Surfen auf dem Handy sein mobiles Freivolumen aufgebraucht hat und dann den Rest des Monats im Schneckentempo durchs Netz kroch, weiß, was gemeint ist. Und dann merkt man sich, dass man das besser nicht mehr macht – der Todesstoß für die entsprechende Webseite.

Die Aufgabe der Netzneutralität führt also zu einer weiteren Konzentration auf die sowieso schon großen Player und errichtet noch größere Hürden für kleine innovative Dienste, die gegen die etablierten antreten wollen. Kurz: Die Verletzung der Netzneutralität behindert Innovationen und neue Ideen. Ironischerweise wäre wahrscheinlich ein Spotify nie zur jetzigen Größe gelangt, wenn es die Drosselpläne vor ein paar Jahren schon gegeben hätte.

[Update 3.6.2013] In einem Gespräch mit der F.A.Z. ordnet Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, die Sachlage ähnlich ein. Die Telekom sei grundsätzlich in ihrer Preisgestaltung frei, die Ungleichbehandlung von Inhalten hätte aber eine wettbewerbsrechtliche Dimension: „So könnten erhebliche Marktzutrittsschranken entstehen, wenn kleine Anbieter nicht in der Lage sein sollten, sich eine prioritäre Behandlung zu erkaufen“. Da kann man gespannt sein, was die Prüfung der Sachlage durch das Kartellamt ergibt. [Ende Update]

Das Fernmeldegeheimnis wird löchrig

Ein weiterer problematischer Aspekt der unterschiedlichen Behandlung unterschiedlicher Anbieter, der bisher nur vereinzelt aufgegriffen wurde, ist das Ende der Privatsphäre des gedrosselten Nutzers. Denn um die freien Datenvolumina aus dem gesamten Datenstrom der Nutzer herausrechnen zu können, muss die Telekom den Datenverkehr jedes Nutzers protokollieren. Schon allein die Vorstellung schreckt ab, darüber hinaus sehen nicht nur Rechtsexperten (so z.B. RA Thomas Stadler) darin eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses, welches im § 88 des Telekommunikationsgesetzes festgeschrieben ist. Hier wird wahrscheinlich erst eine gerichtliche Klärung entscheiden, ob und wie die „managed services“ rechtskonform sind.

The big picture

Soweit ich das beurteilen kann, wurde die Kritik rund um die Themen Drosselung und Netzneutralität hauptsächlich von „netzaktiven“ Leuten vorangetrieben – glücklicherweise nicht ohne Erfolg, denn die offizielle ePetition wurde bis jetzt schon über 71.000 mal unterzeichnet. Trotzdem findet sich kein Entscheider aus der Politik, der die Angelegenheit vorantreibt und – viel wichtiger – die aktuellen Vorgänge in den großen Zusammenhang stellt und grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit der aktuellen Netzinfrastruktur thematisiert.

Ein schnelles Netz ist das Fundament für fast alles

Denn die Datenströme des Internets sind mittlerweile zum Rückgrat fast aller neuen Technologien geworden. Vernetzung ist das große Thema nicht nur im Web, sondern im Maschinenbau, in der Produktion oder industriellen Fertigung. Während im Web über HD-Streaming zu den Endkunden diskutiert wird, tauschen gleichzeitig Millionen industrielle Anwendungen und Devices Daten miteinander aus oder holen sich Informationen aus dem Internet. Alle diese Technologien benötigen schnelle Netze mit großer, stabiler Bandbreite. Je größer die zur Verfügung stehende Bandbreite und je leichter diese zu erreichen ist, desto mehr und innovativere Services lassen sich entwickeln.

Deutschland braucht mehr Bandbreite, nicht weniger

Oder einfach gesagt: Deutschland braucht nicht weniger, sondern mehr Bandbreite. Für alle, überall. Und es reicht nicht, einfach Bandbreitenziele aufzustellen und dann zu warten, dass sich jemand darum kümmert. Unsere europäischen Nachbarn sind jetzt schon deutlich weiter und werden den Vorsprung ausbauen, wenn bei uns nichts passiert. In den USA überlegt Google sogar, Haushalte mit 1 GBit/s ans Glasfasernetz anzuschließen. Welche technischen Lösungen damit möglich werden, lässt sich heute nur erahnen.

Die Politik ist gefragt

Es ist eigentlich unfassbar, dass diese Fakten klar offen liegen und verschiedentlich auch aufgegriffen werden, aber die politischen Kräfte nicht in der Lage sind, diesen für die zukünftige Entwicklung des ganzen Landes so wichtigen Ausbau der technischen Infrastruktur auf die Agenda zu nehmen und Voraussetzungen zu schaffen, dass wir uns nicht schon sehr bald im globalen Vergleich der Innovationskraft der Länder hinten anstellen müssen.

Der Telekom kann man in dieser Hinsicht sogar gar keinen Vorwurf machen. Sie handelt aus ihrer Sicht rational und zielführend. Dass man sie gewähren lässt und damit die Zukunftsfähigkeit des ganzen Landes aufs Spiel gesetzt wird, das ist der eigentliche Skandal.

5 Dinge, die ich von Steve Jobs gelernt habe

Steve Jobs ist gestern Nacht gestorben. Die Nachrufe sind mannigfaltig und drehen sich oft um seine Lebensleistung und sein Charisma – berechtigt. Ich mag Macs, iPhone, iPad & Co, bin aber kein fanatischer Apple Fanboy und habe auch keinen Zoo aus Apple-Produkten. Dennoch fasziniert mich die Art, wie Steve Jobs Apple geführt und geprägt hat. Diese fünf Dinge habe ich persönlich für mich abgespeichert:

  • Habe eine Vision.
    Helmut Schmidts Bonmot „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ mag auf den ersten Blick lustig sein, führt aber zu Kurzsichtigkeit bei Entscheidungen. Steve Jobs hatte seine Vision von der Art, wie Computer das Leben der Menschen erleichtern sollen, und er hat konsequent darauf hingearbeitet.
  • Denke ganzheitlich.
    Dass bei Apple Hardware, Software und Service nahtlos zusammen passen, ist eine Binsenweisheit. Mich beeindruckt immens, wie aber auch das Unternehmen intern als Ganzes gesehen wird: So ist der iPad Bildschirm zusammen mit Partnern entwickelt worden, die Apple dabei auch finanziell unterstützt hat. Dafür bekommt Apple die Technologie für einen Zeitraum exklusiv und günstiger, was die Konkurrenz außen vor hält. Bis diese nachziehen kann, hat Apple schon Stückzahlen erreicht, welche durch die Skaleneffekte Apple einen Vorteil bei den Produktionskosten und damit der Marge verschaffen. Genial.
  • Sei detailversesssen.
    Steve Jobs hat sich selbst auch um Kleinigkeiten beim Design der Produkte gekümmert und sie solange verbessern lassen, bis sie aus seiner Sicht wirklich perfekt waren.
  • Denke immer vom Nutzer aus.
    Es geht nicht darum, irgendein Anwendungsszenario für vorhandene Technik zu finden, sondern aus der Sicht des Nutzers Funktionen zu entwerfen, die er genau so braucht. Nur dann setzt sich ein Produkt wirklich durch.
  • Entscheide. Auch wenn du dabei Fehler machen wirst.
    Auf dem Weg zur Umsetzung der Vision sind viele Entscheidungen zu treffen, und nicht bei allen ist es klar, ob sie richtig sein werden. Doch wenn man nichts entscheidet, findet man das nicht heraus. Und kommt nicht voran.

Schon 1997 hat Steve Jobs nach diesen Grundsätzen gehandelt – zu einer Zeit, wo es undenkbar war, dass Apple einmal das wertvollste Unternehmen der Welt werden sollte. Hier seine Reaktion auf eine sehr direkte (und fast schon beleidigende) Frage auf der WWDC 1997:

Zuerst zählt das Unternehmen: Warum Apple das iPhone 4S gebracht hat und nicht eine Nummer 5

Es herrscht ja allgemein etwas Enttäuschung über das Ausbleiben des iPhone 5 gestern. Mashable hat eine aus meiner Sicht stichhaltige Begründung geliefert, warum erst das 4S kommt und später ein 5:

Die Zwei-Jahres-Verträge der 3GS-Inhaber laufen jetzt aus und das 4S ist das passende Telefon für die Anschlussverträge. Damit die nicht zur Konkurrenz wechseln, wird den Apple-Kunden das nächste iPhone präsentiert. Nächstes Jahr passiert dann das gleiche mit dem 4er-Modell. Dann wird das iPhone 5 vorgestellt.

Schlau. Und das zeigt etwas, das manchmal vergessen wird: Apple ist nicht dazu da, seine Fans bei jeder Präsentation in Verzücken zu versetzen (was auch aufgrund der Erwartungshaltung immer schwieriger wird), sondern um Geld zu verdienen. Und mit solchen genau getimten Aktionen machen sie es (andere schaffen das übrigens bei weitem nicht so gut).

Das zeigt einmal mehr, dass Steve Jobs Apple ganzheitlich sieht und sein Management auch. Die Guru-Auftritte auf den Keynotes haben das etwas überdeckt, was Apple sicher nicht unangenehm war. Mit Tim Cook zieht jetzt etwas Nüchternheit ein. Mal sehen, wie das die Sicht der Apple-Fans auf das Unternehmen verändert.

(Diesen Beitrag habe ich auch auf Google+ eingestellt: https://plus.google.com/104135034057747253597/posts/Pwxd6kNZoKP)

In den sauren App-fel gebissen: Warum eine separate App-Strategie die Verlage in die Sackgasse führt

Apple hat diese Tage das neue Abo-Modell für seinen App-Store eingeführt (Pressemitteilung) und einmal mehr klar gemacht, wer auf der Apple-Plattform das Sagen hat: Steve Jobs und niemand anderes. Die Verlage müssen auf alle Abos, welche innerhalb des App-Stores abgeschlossen werden, 30% des Umsatzes an Apple abgeben. Wollen sie Angebote außerhalb des Stores anbieten, so dürfen diese die App-Store Entsprechungen nicht im Preis unterbieten.

Das iPad

Freie unternehmerische Entscheidungen sehen anders aus.

Es mag sein, dass die deutschen Verleger langsam merken, dass die anfangs bejubelte neue digitale Welt des iPads nun doch nicht die Rettung ihres Geschäfts darstellt. Denn im Gegensatz zur auf die Medien angewiesenen Bundesregierung, die sich ein Leistungsschutzrecht in den Koalitionsvertrag schreiben lässt, gehen Herrn Jobs bei der Führung eines der weltweit größten Unternehmen die Wünsche regionaler deutscher Verleger ziemlich weit am Allerwertesten vorbei.

Doch nicht nur die Abhängigkeit von Apple macht die Konzentration auf Zeitungs- oder Zeitschriften-Apps zu keiner guten Idee. Es sind zwei Gründe, warum reine App-Strategien auch ohne Apple-Diktatur langfristig scheitern werden:

1. Die Funktionalität von Apps und Webseiten konvergiert

Manchmal wünsche ich mir, dass Helmut Markworts Spruch „…und immer an die Leser denken“ ernster genommen würde. Das iPad hat zwar eine neue Art des digitalen Publizierens und Konsumierens möglich gemacht. Ich habe aber das Gefühl, dass die Verleger ihrer Euphorie übersehen, dass das traditionelle Surfen auf Webseiten mit den Tablets immer noch möglich (und bequemer denn je) ist. Aus Sicht der Leser müssen Apps daher deutlichen Mehrwert im Vergleich zu normalen, frei zugänglichen Webseiten bieten – sonst dürfte kaum jemand bereit sein, für eine App zu zahlen.

Zurzeit überwiegt oft noch die Neugier auf das Neue und das Spiel mit den neuen technischen Möglichkeiten, welche Apps gegenüber Webseiten bieten, um ein App-Abo abzuschließen. Mit der Verbreitung von HTML5 und den damit einhergehenden technischen Möglichkeiten (sehr schön bei www.thewildernessdowndown.com zu sehen) wird dieser Vorsprung aber schnell schmelzen und gut programmierte Webseiten werden Apps in Funktionalität und Lesekomfort kaum nachstehen. Das dürfte den Verkaufszahlen der Apps nicht zuträglich sein.

2. Die Erstellung von Apps wird zu aufwendig

Auf dem jüngst beendeten Mobile World Congress in Barcelona haben alle großen Hersteller neue Tablets vorgestellt, die meisten mit Android 3.0 (Honeycomb) als Betriebssystem. Langfristig werden Tablets mit Android genau wie jetzt bereits Smartphones gemessen in Stückzahlen den Marktführer Apple überholen. Um ausreichend Reichweite zu erzielen, müssen daher Apps für Android angeboten werden, und da gibt es ein Problem: Im Gegensatz zum iPad haben die Android-Tablets sehr unterschiedliche Bildschirmgrößen und damit Auflösungen. Um eine attraktive App zu liefern, muss diese auf die Anzeigengröße optimiert werden – und das ist bei der Vielfalt an Tablets einfach nicht darstellbar oder schlicht zu teuer.

Die Verlage müssten sich also entscheiden, viel Geld in die Programmierung der Apps zu stecken oder einen Teil der Zielgruppe nicht mehr (oder schlechter) zu bedienen. Beides kann nicht im Interesse der Verlage sein.

Was tun? Back to the roots

Was ist also die Lösung für eine erfolgreiche Pubblishing-Strategie, wenn es Apps nicht sind? Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, welche sogar gleichzeitig umgesetzt werden können:

A. Die bestehenden Webseiten werden zu „Mittlern von Lebensqualität und Nutzwert“ erweitert, wie es Walterpeter Twer, Verleger der Rhein-Zeitung, im W&V-Interview so passend formuliert und generieren so Umsatz mit Werbung und Dienstleistungen, welche im Zusammenhang mit dem eigentlichen Publikationsthema stehen (nachträgliche Anmerkung: Ähnlich hatte ich es ein einem der letzten Blogeinträge formuliert).

B. Oder man maximiert das Lese-Erlebnis, in dem man parallel zur normalen Webseite erweiterte Inhalte (andere Texte, hochauflösende Bilder) im Abonnement anbietet und das Ganze ohne Werbung in sehr hochwertiger Form präsentiert. Das Startup Treesaver zeigt, wie so etwas mittels HTML5 und Javascript funktioniert – im Web, für Tablets und sogar Smartphones (Demo hier, dazu ein (langes, aber interessantes) Interview mit einem der Günder auf YouTube).

Beides geht ganz ohne Apps. Für alle Plattformen, ganz ohne Umsatzbeteiligung und saure Äpfel.

Kontext, Content und Social Media bestimmen die Zukunft des digitalen Publizierens

Wenn man sich die wichtigsten Entwicklungen des letztes Jahres im Bereich Online/Medien/Kommunikation anschaut, so stechen zwei heraus: Social Media verändert das Kommunikationsverhalten im Web grundlegend und nachhaltig, und das mobile Web wächst mit iPad und Smartphones in beeindruckender Weise. Beide Trends sind bereits so ausgeprägt, dass sie (teilweise noch gar nicht so) alte Märkte verändern und neue begründen.

Das allein ist schon spannend genug – besonders interessant wird es damit für das digitale Publizieren und die Verlage. Hier ist ein Gutteil der Branche kaum im Online-Zeitalter angekommen, geschweige denn hat ein tragfähiges Geschäftsmodell als Ersatz für die wegbrechenden Print-Umsätze entwickelt. Nun steht schon die nächste Revolution vor der Tür – und diese hat erhebliche Auswirkungen auf Ausrichtung, Arbeitsweise und Produkte der Inhalte-Produzenten. Um bei den anstehenden Umwälzungen erfolgreich zu sein, gilt es, insbesondere drei Erfolgsfaktoren zu beachten und seine Organisation darauf auszurichten: Kontext, Content und Social Media.

Wachstum des mobilen Webs

Internet trends report von Morgan Stanley (Quelle)

Die Leser werden mobil – der Content muss folgen.

Das beeindruckende Wachstum des mobilen Internets (laut Google-Chef Eric Schmidt wächst es acht Mal so schnell wie das Internet zur vergleichbaren Zeit) verändert die Nutzungsgewohnheiten und damit die Erfolgskriterien für Online-Publikationen. Wer gelesen werden will, muss zuerst beim Leser sein – das heißt, er muss mobil werden. Denn Inhalte gleich welcher Art werden in Zukunft zum überwiegenden Teil auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablet gelesen. Die Reaktionsgeschwindigkeit von Redaktionen und die Nützlichkeit der Informationen wird dann nicht mehr daran gemessen werden, wann ein Artikel auf der Webseite veröffentlicht wird, sondern daran, wann er beim Leser wirklich ankommt. Denn der will nicht warten, bis er wieder vor einem Rechner sitzt, sondern die Inhalte direkt auf seinem Smartphone oder Tablet sehen – unabhängig davon, wo er sich gerade aufhält. Oder anders ausgedrückt: Wenn der Nutzer eine Information braucht, muss sie verfügbar sein. Nur dann bringt sie ihm den größten Nutzen.

Das mobile Web schafft neue Kontexte

In der Zeit vor iPad und Smartphones gab es beim Online-Publizieren im Web im Prinzip nur ein Anwendungsszenario: Der Nutzer sitzt vor seinem Bildschirm am stationären Rechner und schaut sich an, was auf den Webseiten so geschrieben wird. Als Content-Produzent hatte man wenig Möglichkeiten, auf die individuelle Situation des Lesers einzugehen. Viel mehr Informationen als die, welche Uhrzeit, Browsereinstellungen und eventuell Cookies und Referrer hergeben, hatte man nicht zur Verfügung.

Das mobile Web verändert das nun grundlegend. Bei aktuellen Smartphones und Tablets stehen aufgrund ihrer technischen Ausstattung (GPS, Kamera, Bewegungssensor), der Verknüpfung von Apps (Terminkalender, Kontakte, Maps), Social Media Netzwerken (Facebook, Twitter) und mobiler Dienste (Foursquare, Facebook Places) nun Daten wie Ort, Zeit, Bewegung, Termine, Umfeld, verbundene Kontakte in der Umgebung und in Zukunft sogar über die Erkennungsleistung der Kamera die Blickrichtung und die gerade betrachteten Objekte zur Verfügung. Die Möglichkeiten, seine Inhalte auf die gerade vorherrschende Situation maßzuschneidern und damit seinen Lesern einen perfekten Service sowie größten Nutzen zu bieten, sind fast grenzenlos.

Der „situation based multi-criteria approach“

Ein Beispiel zeigt, wie möglichst viele Kriterien ausgewertet werden können, um den Kontext zu erfassen und dem Nutzer die Inhalte maßgeschneidert aufbereitet zu liefern: Ein Unternehmer will einen gebrauchten Lieferwagen für seinen Fuhrpark kaufen. Er fährt zu einem Händler und schaut sich in Frage kommende Lieferwagen an. Der Verkäufer will ihn natürlich das teuerste Modell mit vielen Zusatzoptionen verkaufen. Der Unternehmer ruft sich auf seinem iPad erst einmal die letzten Testberichte auf und erfährt, welches Modell und Ausstattung empfohlen wird. Eine Checkliste zeigt ihm, auf welche möglichen Mängel er besonders achten muss und gibt auch Preise an, wie teuer eine Beseitigung sein würde. Wenn er wollte, könnte er sogar die bei den Ersatzteilhändlern direkt prüfen, ob die Ersatzteile auf Lager sind. Da der Verkäufer ihm versichert, dass er so einen guten Wagen zu so einem atraktiven Preis nirgendwo anders finden würde, verschafft der Unternehmer sich mit wenigen Klicks einen Überblick über Angebote konkurrierender Händler in der Umgebung für vergleichbare Wagen. Er erfährt, wie weit er für die Besichtigung fahren müsste, wie viel Zeit und Benzin es ihn kosten würde und ob es mit anderen Terminen kollidieren würde. Da der Preis des Händlers wirklich gut ist, überprüft er noch die Angebote seiner Banken zur Fahrzeugfinanzierung, um das Finanzierungskonzept des Händlers bewerten zu können. Nach dem Durchgehen einer Checkliste für Kfz-Kaufverträge besiegelt er den Kauf.

Für die Verlage, welche den Unternehmer als Leser gewinnen (oder halten) wollen, bedeutet dieses Beispiel folgendes: Testberichte, Empfehlungen und Checklisten müssen für die mobile Nutzung aufbereitet sein. Verknüpfungen zu Kfz-Datenbanken, Ersatzteilhändlern und Finanzierungsanbietern müssen angelegt sein und deren Adressdaten zusammen mit der aktuellen Position per Klick Routeninformationen ausgeben können. Wenn alle Inhalte so eingebunden und verbunden sind, entsteht eine maßgeschneiderte Informationslösung für den Unternehmer, die schwer zu kopieren ist und somit ihn als Nutzer an den Verlag bindet.

Inhalte müssen flexibel einsetzbar sein

Der maßgeschneiderte Einsatz von Inhalten hat auch Auswirkung auf ihre Eigenschaften und die Art ihrer Erstellung. Lange Artikel mit ausführlicher Würdigung aller Aspekte des Themas eignen sich eher weniger, um dem Leser vor Ort schnell bei seiner Entscheidungsfindung zu unterstützen. Die Inhalte müssen in knapper und zusammenfassender Form vorliegen sowie so eingeordnet sein, dass sie dem passenden Kontext zugeordnet werden können. So wird der lange Artikel der Print-Ausgabe noch einmal in kurzer und reduzierter Form gespeichert werden, um mobil angezeigt werden zu können. Das „Tagging“, also das Versehen mit Stichworten, wird extrem wichtig: Denn darüber entscheidet sich, wann und damit wie oft der Inhalt angezeigt wird.

Neue Herausforderungen für Verlage: Das Geschäft der Leser verstehen und bedienen.

Für Verlage – und insbesondere die Fachverlage – bedeutet die neue Zeit ein Umdenken in der Art und Weise, wie Inhalte produziert werden. Die Redaktionen müssen nicht nur Inhalte nach den klassischen Qualitätskriterien erstellen, sie müssen die Lebens- und Arbeitswelt ihrer Leser verstehen und wissen, wann und wie ihre Inhalte gebraucht werden – und wie diese den größten Nutzen stiften. Das ist nichts anderes als die klassische Kundenorientierung. Dabei geht es nicht darum, die Meinung seiner Lesern zu erforschen und dann nach dieser zu schreiben, sondern weiterhin qualitativ hochwertige Inhalte zu produzieren, diese aber an den vorherrschenden Anwendungskontexten der Leserschaft auszurichten.

Ohne Netzwerk keine Experten: Social Media ist essenziell

Um ein Experte in seinem Fachgebiet zu sein, ist heutzutage eine gute Vernetzung Voraussetzung. Diese findet nicht mehr nur über persönlichen Austausch auf Konferenzen oder am Telefon statt, sondern über Blogs, Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Je besser die Vernetzung und auch Sichtbarkeit in Social Media ist, desto mehr Informationen fließen. Und das Gute ist, dass der Informationsfluss keinen Einbahnstraße ist: Wenn die Experten etwas zu sagen haben, finden sie Gehör und ihre Botschaften verbreiten sich schnell und weit. So lassen sich nicht nur Informationen finden, sondern auch Inhalte bekannt machen.

Fazit: Die Verlage stehen vor einem einschneidenden Um- und Aufbruch

Diese Überschrift könnte auch für den Übergang vom reinen Print- zum hybriden Print/Online-Zeitalter gelten. Meiner Meinung ist die Veränderung jetzt aber grundlegender, weil sie die Verlage zur Änderung ihrer Ausrichtung und Arbeitsweise zwingt. Während die Erfolgskriterien für Print- und Online-Inhalte sich noch fast gleichen, werden sie für mobilen Content deutlich ausgeweitet. Die Organisation und Prozesse innerhalb der Verlage werden sich neu ausrichten müssen. Es wird spannend, welchen Verlagen das als erstes und am erfolgreichsten gelingt.

Co-Founder für Startup in der Medienbranche gesucht

Neben meinen normalen Projekten und Workshops begleite ich zurzeit ein Unternehmen, welches mir besonders am Herzen liegt: Ein sehr spannendes Startup, welches an einer neuen Form von Nachrichten im Web und auf mobilen Geräten arbeitet. Dafür hat sich ein erfahrenes Team zusammengefunden, welches an einigen Stellen von Spezialisten unterstützt wird – so auch durch mich. Das Gründerteam braucht nun Verstärkung für die Bereiche Online Marketing, strategische Partnerschaften, Produktmanagement und Werbepartner. Der Sitz des Startups ist Düsseldorf.

Erfahrung gewünscht

Wer bereits Berufserfahrung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Kommunikationswissenschaften, Management, Marketing oder Medienwissenschaften gesammelt hat und sich einer extrem spannenden Aufgabe stellen möchte, der sollte sich die Aufgabenbeschreibung durchlesen und einfach Kontakt zu Martin Kütter unter jobs@adetra.de aufnehmen.

Die Aufgaben

  • Zentrale Verstärkung des Gründerteams
  • Verantwortung für die Bereiche Produkt Management und Werbepartner
  • Positionierung und kontinuierliche Entwicklung unseres Angebots
  • Generierung hoher Werbeumsätze
  • Markt- und Wettbewerbsanalysen

Das Anforderungsprofil

  • Unternehmerische Leidenschaft, Kommunikationsstärke und Risikobereitschaft
  • Gute Kontakte in die Medienwelt und Mitbringen eines belastbaren Netzwerks
  • Intensive Erfahrung in den Bereichen Internet und neue Medien
  • Herausragende Kenntnisse im Produkt Management
  • Fähigkeit zum eigenständigen und zielorientierten Arbeiten
  • Offenheit, ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und Biss
  • Studium der Wirtschafts- oder Kommunikationswissenschaften

Das Angebot

  • Die Möglichkeit, einen Startup als Co-Founder maßgeblich mitzuentwickeln und an der Entwicklung zu partizipieren
  • Spass am Aufbau eines neuen Unternehmens und an der gemeinsamen Gründungsarbeit, auch in schwierigen Zeiten

Das Unternehmen

Wir sind ein schlagkräftiges Team von erfahrenen Internet- und Medienunternehmern. Wir launchen in den kommenden Wochen ein neuartiges Nachrichtenangebot im Internet, das von den wichtigsten Trends der Medienindustrie profitieren wird (Personalisierung, Dynamik bei Smartphones & Tablets, Crowd Sourcing). Unsere Kunden erhalten ein individuelles Nachrichtenprodukt mit einem sehr hohen Convenience-Faktor. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Angebot einmalig ist.

Kontakt

Adetra GmbH
Goswin-Peter-Gath-Strasse 8
50825 Köln
Martin Kütter
E-Mail: jobs@adetra.de

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Apples nächster genialer Schachzug

In den letzten Tagen ging eine Meldung rum, die meiner Meinung nach in die Kategorie „kleine Ursache, große Wirkung fällt“ und die erstaunlich wenig Wiederhall fand: Apple prüft die SIM-Integration ins iPhone.

Ich muss zugeben, dass diese Nachricht zunächst nicht so sonderlich spannend klingt, auch ich habe die Meldung zunächst unter der Rubrik „eine weitere Funktionserweiterung für das iPhone“ abgelegt. Am Wochenende habe ich mir nun aber noch einmal in Ruhe den Artikel von Dušan Živadinovic in der c’t 24/2010 durchgelesen. Erst da ist mir die Tragweite der Entwicklung bewusst geworden: Apple revolutioniert (mal wieder) eine Branche – diesmal die der Telekommunikationsanbieter.This is the icing on the cake

Was ist passiert?

Laut Berichten prüft Apple derzeit, die SIM-Karte in zukünftige Versionen des iPhones zu integrieren. Das hat zur Folge, dass die Aktivierung und Provisionierung des Telefons (also die Einstellung mit den Daten des Service Providers) komplett über iTunes abgewickelt werden können. Das umständliche und zeitaufwändige Verschicken der SIM-Karte entfällt.

Das klingt zunächst danach, dass die Prozedur des Freischaltens für den Smartphone-Nutzer deutlich einfacher wird – kein Papierkram mehr, kein Warten auf die SIM-Karte – einfach iPhone über iTunes aktivieren, Provider auswählen und los geht’s. Das wird sicherlich auch so sein, aber ich bezweifle, dass Apple den nicht unerheblichen Aufwand, der mit dieser Technologie einhergeht, nur für den vergleichsweise kleinen Sprung in der Benutzerfreundlichkeit treibt. Der Punkt ist ein anderer:

Apple entkoppelt die Nutzer von den Service Providern.

Die Carrier bekommen nur noch die Daten der Kunden, welche sie für die Zuordnung von Handy und Rufnummer brauchen. Den kompletten Rest (Verwaltung und Abrechnung) übernimmt Apple mit iTunes. Ein Abrechnungsprozess besteht ja bereits durch die Medien- und App-Käufe, zudem haben 180 Millionen Nutzer bereits ihre Kreditkartendaten bei iTunes hinterlegt. Das hat weitreichende Folgen, eröffnet es doch Apple völlig neue Möglichkeiten.

Apple bestimmt die Mobilfunk-Tarife

Dušan Živadinovic verweist seinem oben bereits erwähnten Artikel auf ein Patent, welches Apple bereits 2006 angemeldet hat und das eine „Dynamic Carrier Selection“ beschreibt. Damit können Nutzer abhängig von Ort und Zeit den jeweils günstigsten Anbieter wählen. Das ist sicher eine Möglichkeit – ich kann mir aber folgendes, weitergehendes Szenario vorstellen: Apple kauft sich Übertragungsleistung der Carrier, also quasi riesige Minutenpakete, zu günstige Konditionen ein. Dadurch dass die Abrechnung von Apple übernommen wird, können die Carrier sicher preisgünstig anbieten. Mit der eingekauften Kapazität im Rücken kann Apple nun eigene Tarife anbieten: Die Nutzer schließen einen Vertrag mit Apple, rechnen über iTunes ab und Apple setzt im Hintergrund seine gekauften Kontingente gewinnmaximierend ein. Die Nutzer erfahren nicht, mit welchem Carrier sie gerade telefonieren, die Carrier wissen nicht mehr, wer genau ihre Netze eigentlich nutzt – sie erhalten nur eine kumulierte Aufstellung von Apple. Bei den Apple-üblichen Größenordnungen dürfte sich dieses Geschäftsmodell sehr gut rechnen. Aber es geht noch weiter:

Apple bringt iData

Will man heute sein iPad unterwegs über Mobilfunk nutzen, so muss man dafür einen eigenen Vertrag mit separater SIM-Karte und Telefonnummer schließen. Das ist eigentlich völlig übertriebener Aufwand, denn man braucht ja nur eine Datenverbindung, es ruft ja keiner das iPad an (und wenn doch, dann über Facetime – also VoIP). Apple könnte also reine Datentarife anbieten, die aufgrund des geringeren Aufwands bei Verwaltung und des Verzichts auf Sprachverbindungen deutlich günstiger sein düften als bisher. Und so kann Apple eine geräteübergreifende Flatrate anbieten, bei der jegliche Nutzung der iPhones, iPads und Macs eines Nutzers über das gleiche iTunes-Konto zusammengefasst werden. iData sozusagen. Äußerst praktisch – aber es geht noch weiter:

Apple wird Payment-Provider

Heute sind Apple-Geräte über das iTunes-Konto mit dem Nutzer verknüpft. Damit können alle Käufe, die innerhalb iTunes getätigt werden, abgerechnet werden – nicht aber Käufe außerhalb des Apple-Shops. Die SIM-Integration ermöglicht Apple jetzt den nächsten entscheidenden Schritt: Wenn Anwendungen von Dritten (z.B. Webshops) durch die Abfrage des Soft-SIMs eine eindeutige Authentifizierung des Nutzers durchführen können, lässt sich die Bezahlung von Käufen auch über iTunes abwickeln. Soll heißen: Alles, was man über sein iPad oder iPhone kauft, kann man sehr einfach und bequem über iTunes bezahlen. Keine Eingabe von Namen, Adresse und Kreditkartennummern mehr, eine einfache Bestätigung der Verknüpfung mit dem eigenen iTunes-Konto reicht aus. Und das funktioniert sogar für das bislang noch nicht gelöste Problem der Bezahlung kleinster Beträge, dem Micropayment. Apple wird sich diese neue Dienstleistung sicher gut bezahlen lassen.

Die nächste Revolution

Wenn das mal nicht ein genialer Schachzug von Apple ist. Es steht noch die Frage aus, ob die Telekom-Carrier sehenden Auges bei diesem Spiel, welches sie noch weiter von den Kunden entfernt, mitmachen werden. Ich bin mir aber sicher, dass es bei Apples Marktmacht immer einen Anbieter geben wird, der die Verbindung mit Steve Jobs‘ Marketingmaschine eingeht. Und die anderen werden dann folgen müssen. Damit hat Apple nach iTunes und dem App-Store die nächste Revolution auf den Weg gebracht. Chapeau, Herr Jobs!

Google StreetView – Das Problem sind nicht die Fotos.

Die Diskussion über Google Street View geht ja mittlerweile schon ein paar Tage, die Argumente sind mittlerweile wiederholt ausgetauscht worden. Den StreetView-Gengern hält die Netzgemeinde der digital natives nicht überraschend vor, dass diese das Prinzip der „digitalen Öffentlichkeit“ nicht verstehen (Sascha Lobo), es in anderen Ländern schon lange StreetView gibt und dort keine Zunahme der Einbrüche verzeichnet wird (meedia.de) oder dass das Abfotografieren von Häuserfassaden nun wirklich keine Privatsphäre verletze (so ziemlich alle).

Diese Argumente greifen meiner Meinung nach zu kurz.

Ich sehe ebenfalls kein Problem in der Tatsache, dass nun ein paar Häuser noch detaillierter im Web zu sehen sind (das gibt’s mit der 3D-Ansicht bei Bing ja auch schon eine ganze Weile). Für mich ist das wirklich Beunruhigende die zunehmende Verknüpfung von an sich unkritischen Daten zu sehr aussagekräftigen Massendatensammlungen und die Intransparenz und fehlende Kontrolle bei der Nutzung derselben. Nicht erst seit gestern werden Adressdaten, demografische Statistiken und Verhaltensdaten (z.B. durch Zahlungsausfälle oder Betrug bei Versandbestellungen) zusammen mit den persönlichen Daten zum Scoring bei der Einschätzung der Kreditwürdigkeit genutzt (sehr ausführlich beschrieben in dieser Studie). Dadurch kann es vorkommen, dass ein eigentlich einwandfreier Antragsteller keine Kreditzusage erhält, weil er in der falschen Straße wohnt oder seine Nachbarn ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Durch die mangelnde Transparenz des Scoring-Algorithmus und der zu Grunde liegenden Daten ist es im Einzelfall fast unmöglich, das Zustandekommen des fatalen Scorings nachzuvollziehen, geschweige denn das Ergebnis zu ändern.

Google StreetView wird nun ein weiterer Baustein in diesem Puzzle sein. Und ich weiß nicht, ob das so gut ist. Wessen Vermieter bei der Fassadenrenovierung etwas im Rückstand ist oder das neue Grafitti erst nach der Vorbeifahrt des StreetView-Autos entfernt hat, der könnte bald ein Problem bekommen. Oder diejenigen, welche das heruntergekommende Haus liebevoll saniert oder abgerissen und neu aufgebaut haben – werden diese jetzt mit dem Kreditsachbearbeiter diskutieren, dass ihr Haus mit dem Foto im Web nichts mehr zu tun hat? Ich bin mir sicher, dass die StreetView-Bilder sehr bald von Dienstleistern ausgewertet und die daraus gewonnenen Daten verkauft werden: Dann dürften sich auch Anrufe bei Hausbesitzern häufen, ob sie nicht mal wieder ihr Haus streichen möchten oder ob ihre Einfahrt nicht eine neue Pflasterung gebrauchen könnte. Schöne neue digitale Welt.

Das Problem an StreetView ist also nicht, dass Bilder von Häusern nun öffentlich online zugänglich sind. Das Problem liegt darin, wie die darin enthaltenen Informationen als Massendaten ausgewertet, verknüpft und benutzt werden. Die Auswirkungen daraus gehen weit über eine wie auch immer definierte digitale Öffentlichkeit hinaus. Die große Herausforderung besteht darin, Regeln und Grenzen zu finden, wie solche Daten genutzt werden dürfen, ohne die unzweifelhaft positiven und innovativen Seiten von Google StreetView völlig auszubremsen.

Eine konstruktive Diskussion über dieses Thema – welches ja auch unter dem Stichwort Facebook relevant ist – ist überfällig. Ich hoffe, sie wird bald geführt, bevor populistische Entscheidungen ungewollte Fakten setzen.