Mary Meekers Internet Trends: Mal wieder wegweisend im wahrsten Sinne des Wortes

Mary Meeker von Kleiner Perkins Caufield Byers hat auf der D11 Conference die neue Version ihrer mittlerweile berühmten Internet Trends vorgestellt. Wer die Präsentationen nicht kennt: Es handelt sich dabei um die Zusammenstellung von Daten und Fakten rund um die Nutzung des Internets, intelligent verknüpft und interpretiert. Meist ergeben sich die spannenden Schlüsse und Trends daraus, dass alte und neue Trends oder Märkte verglichen werden und damit Aussagen über wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen getroffen werden.

Die aus meiner Sicht interesantesten Aussagen sind diesmal:

  • Die anteiligen Werbeerlöse sind bei Print zurzeit noch höher als die anteilige Nutzung, bei mobile ist es umgekehrt: Es ist zu erwarten, dass Print weiter verliert und mobile deutlich hinzugewinnt.
  • Sharing von Informationen hat erst begonnen. Fotos und Videos waren erst der Anfang, jetzt folgen Sprache und Daten.
  • Die Nutzer anderer Länder teilen sehr viel mehr Inhalte als wir Deutschen. Darum werden Angebote rund um das Sharing weltweit geradezu explodieren.
  • Mobile Nutzung boomt weiter und hat teilweilse bereits die Desktop-Nutzung überholt.
  • Webangebote müssen daher zwingend mobiles Geschäft aufbauen, wollen sie nicht verlieren.
  • Nach nur drei Jahren werden schon genauso viele Tablets gekauft wie Desktops und Notebooks.
  • Wearable Computing ist das „next big thing“ und wird wahrscheinlich in den Stückzahlen Smartphones und Tablets deutlich übertreffen.
  • Mittlerweile setzt China viele Trends. Und hier boomt der Einsatz von QR-Codes(!).

Besonders bemerkenswert finde ich die Analyse der menschlichen Innovationstreiber des US-Marktes und der Schluss daraus – gerade wenn man überlegt, wie die Diskussion hierzulande geführt wird.

  • In den USA werden die Innovationen im Netz von der jungen Generation vorangetrieben.
  • 56% der US Top 25 High Tech Unternehmen wurden von Nachfahren erster oder zweiter Generation der Einwanderer gegründet.
  • Darum: Die USA sollte sich Gedanken machen, ob sie genug hochqualifizierte Einwanderer haben (ein etwas anderer Ansatz als hierzulande).

Telekom, Drosselkom, Netzneutralität – Deutschland vergeigt die Zukunftschancen nicht nur im Netz

Die Diskussion um die Drosselungspläne der Telekom geht ja nun schon eine Weile, und der anfängliche Aufschrei ob der Begrenzung der Flatrate (und damit faktischen Preiserhöhung für manche Nutzer) wurde rasch ergänzt durch das Thema Netzneutralität. Denn die Telekom rechnet auf die nun begrenzte monatliche Datenrate ihre eigenen Angebote wie Entertain nicht an – und offeriert gleichzeitig anderen Unternehmen, den Traffic zu ihren Seiten im Rahmen von bezahlten „managed services“ ebenfalls aus der Zählung zu nehmen. Trotz der intensiven Diskussion im Netz scheint die Tragweite dieses Vorgehens noch nicht allen bewusst zu sein, was man immer wieder beim Lesen von Beiträgen auf Facebook & Co. feststellen kann.

Mir ist es daher wichtig, die Implikationen der Telekom-Strategie so einleuchtend wie möglich offenzulegen und damit zu zeigen, dass zum Einen die Beerdigung der mit dem sperrigen Wort „Netzneutralität“ umschriebenen Gleichbehandlung der Angebote im Netz durch die Zugangsprovider ganz reale Auswirkungen auf alle hat und zum anderen nicht nur kurzfristige Schäden drohen, sondern ganz grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Gefahr ist.

Warum der Aufschrei bei der Telekom?

Ganz klar: Wenn ein Wald- und Wiesenprovider die gleichen Pläne veröffentlicht hätte, würde sich kaum jemand daran stören. Die Telekom hat aber über 45% Marktanteil bei den DSL-Anschlüssen und ist damit unumstrittener Marktführer. Darüber hinaus bündelt sie häufig den DSL-Anschluss mit Telefon und/oder Mobilfunk, sodass ein Wechsel großen Aufwand für Kunden bedeutet. Und es fragt sich, ob ein Wechsel zu einem anderen Provider überhaupt etwas bringt. Denn es wird auch gemutmaßt, dass die Telekom nur der Vorreiter bei dieser Maßnahme ist und die anderen Provider nachziehen werden, sobald der Pulverdampf sich verzogen hat.

Darum ist der Kampf gegen die Pläne auch so verbittert. Grundsätzlich hat die Telekom als unabhängiges Wirtschaftsunternehmen jedes Recht, ihre Produkte so zu gestalten, wie sie will. Zusammen mit der Marktmacht und der vermuteten Ausbreitung auf den Rest der Branche wird aber ein Präzedenzfall daraus, der weitreichende Auswirkungen letztendlich auf die Zukunft des Standortes Deutschland hat.

Internet goes Kabelfernsehen

Eine Drosselung der Datenmenge pro Monat ist ein reine monetäre Sache, sozusagen eine Preiserhöhung. Das ist nicht schön, aber legitim. Das eigentliche Problem ist die Tatsache, dass bestimmte Angebote wie Telekoms Entertain – oder die „managed services“ von Dritten – nicht bei der Ermittlung des Datenverbrauchs mitzählen. Der Nutzer erhält dann sozusagen zwei Pakete: Eine echte Flatrate für Entertain (und/oder andere Angebote Dritter) und ein begrenztes Volumenpaket für den Rest des Internets. Denkt man diesen Ansatz zu Ende, dann kommt dabei ein Internet nach Art des Kabelfernsehens heraus: Jeder Anbieter hat unterschedliche Pakete im Angebot, unter denen man dann auswählen kann. Man muss sich also nicht nur für Bandbreite, sondern auch das Datenvolumen pro Monat und die Freipakete entscheiden. So könnte die Telekom Entertain, Spotify und Facebook im Angebot haben, Vodafone Google und Microsoft und O2 Apples iTunes sowie Twitters Musikdienst – diese Dienste gibt es dann als echte Flatrate. Das letzte Paket umfasst das restliche Internet – gedrosselt.

Die Drosselung als Preisetikett

Die Folge dieser Paketschnürerei ist perfide: Obwohl es für manche Nutzer mit dem derzeitigen Datenvolumen vieleicht rational keinen Grund gibt, schleicht sich beim Surfen ein Gedanke ein: Jeder Klick auf eine Webseite oder einen Download außerhalb der Freipakete kostet plötzlich etwas – nämlich einen Teil des Freivolumens. Und es könnte ja sein, dass man gegen Ende des Monats der Volumengrenze nahe kommt und dann entweder für weiteres schnelles Surfen bezahlen muss oder seinen Internetanschluss aufgrund mangelnder Geschwindigkeit quasi nicht mehr gebrauchen kann. Die Folge ist, dass im Zweifel die Dienste aus den Paketen gegenüber ähnlichen „freien“ Angeboten vorgezogen werden. Also Spotify anstatt Rdio, YouTube statt Vimeo usw.

Innovationen werden erdrosselt

Das ist genau das Verhalten, was sich die Anbieter der „managed services“ wünschen. Aus ihrer Sicht ist das großartig, es ist allerdings für den Rest des Internets verheerend. Denn bestehende und insbesondere neue Dienste, gerade solche mit großem Datenhunger, werden es extrem schwer haben, sich durchzusetzen – denn besonders ihre Nutzung zahlt voll auf das Freikontingent des Anschlusses ein. Jeder, der schon einmal mit YouTube-Surfen auf dem Handy sein mobiles Freivolumen aufgebraucht hat und dann den Rest des Monats im Schneckentempo durchs Netz kroch, weiß, was gemeint ist. Und dann merkt man sich, dass man das besser nicht mehr macht – der Todesstoß für die entsprechende Webseite.

Die Aufgabe der Netzneutralität führt also zu einer weiteren Konzentration auf die sowieso schon großen Player und errichtet noch größere Hürden für kleine innovative Dienste, die gegen die etablierten antreten wollen. Kurz: Die Verletzung der Netzneutralität behindert Innovationen und neue Ideen. Ironischerweise wäre wahrscheinlich ein Spotify nie zur jetzigen Größe gelangt, wenn es die Drosselpläne vor ein paar Jahren schon gegeben hätte.

[Update 3.6.2013] In einem Gespräch mit der F.A.Z. ordnet Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, die Sachlage ähnlich ein. Die Telekom sei grundsätzlich in ihrer Preisgestaltung frei, die Ungleichbehandlung von Inhalten hätte aber eine wettbewerbsrechtliche Dimension: „So könnten erhebliche Marktzutrittsschranken entstehen, wenn kleine Anbieter nicht in der Lage sein sollten, sich eine prioritäre Behandlung zu erkaufen“. Da kann man gespannt sein, was die Prüfung der Sachlage durch das Kartellamt ergibt. [Ende Update]

Das Fernmeldegeheimnis wird löchrig

Ein weiterer problematischer Aspekt der unterschiedlichen Behandlung unterschiedlicher Anbieter, der bisher nur vereinzelt aufgegriffen wurde, ist das Ende der Privatsphäre des gedrosselten Nutzers. Denn um die freien Datenvolumina aus dem gesamten Datenstrom der Nutzer herausrechnen zu können, muss die Telekom den Datenverkehr jedes Nutzers protokollieren. Schon allein die Vorstellung schreckt ab, darüber hinaus sehen nicht nur Rechtsexperten (so z.B. RA Thomas Stadler) darin eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses, welches im § 88 des Telekommunikationsgesetzes festgeschrieben ist. Hier wird wahrscheinlich erst eine gerichtliche Klärung entscheiden, ob und wie die „managed services“ rechtskonform sind.

The big picture

Soweit ich das beurteilen kann, wurde die Kritik rund um die Themen Drosselung und Netzneutralität hauptsächlich von „netzaktiven“ Leuten vorangetrieben – glücklicherweise nicht ohne Erfolg, denn die offizielle ePetition wurde bis jetzt schon über 71.000 mal unterzeichnet. Trotzdem findet sich kein Entscheider aus der Politik, der die Angelegenheit vorantreibt und – viel wichtiger – die aktuellen Vorgänge in den großen Zusammenhang stellt und grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit der aktuellen Netzinfrastruktur thematisiert.

Ein schnelles Netz ist das Fundament für fast alles

Denn die Datenströme des Internets sind mittlerweile zum Rückgrat fast aller neuen Technologien geworden. Vernetzung ist das große Thema nicht nur im Web, sondern im Maschinenbau, in der Produktion oder industriellen Fertigung. Während im Web über HD-Streaming zu den Endkunden diskutiert wird, tauschen gleichzeitig Millionen industrielle Anwendungen und Devices Daten miteinander aus oder holen sich Informationen aus dem Internet. Alle diese Technologien benötigen schnelle Netze mit großer, stabiler Bandbreite. Je größer die zur Verfügung stehende Bandbreite und je leichter diese zu erreichen ist, desto mehr und innovativere Services lassen sich entwickeln.

Deutschland braucht mehr Bandbreite, nicht weniger

Oder einfach gesagt: Deutschland braucht nicht weniger, sondern mehr Bandbreite. Für alle, überall. Und es reicht nicht, einfach Bandbreitenziele aufzustellen und dann zu warten, dass sich jemand darum kümmert. Unsere europäischen Nachbarn sind jetzt schon deutlich weiter und werden den Vorsprung ausbauen, wenn bei uns nichts passiert. In den USA überlegt Google sogar, Haushalte mit 1 GBit/s ans Glasfasernetz anzuschließen. Welche technischen Lösungen damit möglich werden, lässt sich heute nur erahnen.

Die Politik ist gefragt

Es ist eigentlich unfassbar, dass diese Fakten klar offen liegen und verschiedentlich auch aufgegriffen werden, aber die politischen Kräfte nicht in der Lage sind, diesen für die zukünftige Entwicklung des ganzen Landes so wichtigen Ausbau der technischen Infrastruktur auf die Agenda zu nehmen und Voraussetzungen zu schaffen, dass wir uns nicht schon sehr bald im globalen Vergleich der Innovationskraft der Länder hinten anstellen müssen.

Der Telekom kann man in dieser Hinsicht sogar gar keinen Vorwurf machen. Sie handelt aus ihrer Sicht rational und zielführend. Dass man sie gewähren lässt und damit die Zukunftsfähigkeit des ganzen Landes aufs Spiel gesetzt wird, das ist der eigentliche Skandal.

Top Mobile Internet Trends

Googles Stefan Keuchel aka @frischkopp wies gerade auf eine Präsentation von Matt Murphy und Mary Meeker der kalifornischen VC-Firma Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB,http://www.kpcb.com/) hin. Die beiden Autoren stellen die Top 10 Trends des mobilen Internets vor und belegen die beeindruckenden Wachstumsszenarien mit realen Zahlen.

Viel deutlicher kann man den aktuellen Mega-Trend nicht aufzeigen. Dem Schlusswort von John Doerr, Partner bei KPCB, kann ich mich nur anschließen und ich freue mich auf die Auswirkungen:

„We’re at the beginning of a new era for social Internet innovators who are re-imagining and re-inventing a Web of people and places, looking beyond documents and websites.“

Hier die Präsentation bei SlideShare. Viel Spaß bei der Lektüre.

http://www.slideshare.net/kleinerperkins/kpcb-top-10-mobile-trends-feb-2011