Startseite Blog Blog: Social Media Rechnet sich Twitter?

Blog meistermeise.de

meistermeise.de
Das Blog zu Strategien (und mehr) in der Online-Welt.

Rechnet sich Twitter?

PDF Drucken E-Mail
Montag, den 22. Februar 2010 um 11:33 Uhr

Wenn Unternehmen überlegen, ob sie Twitter einsetzen sollen, wird schnell die Frage gestellt, ob und wie sich das Twittern rechnet. Die Frage hat durchaus ihre Berechtigung, denn eine eingehende Beschäftigung mit Twitter (und nur so macht es Sinn) kostet vor allem (Arbeits-)Zeit, und diese ist selten frei verfügbar. Das Problem für die Twitter-Befürworter ist dann:

Twittern rechnet sich nicht. Zumindest nicht in den üblichen Direktmarketing-Denkschemata, die sich an Newslettern-Abonnentenzahlen, Zugriffen und Response-Raten orientieren:

  • Nimmt man die Zeit, die man für den Aufbau einer großen und guten Followerschaft benötigt, so ist jeder Adresskauf für einen simplen E-Mail Newsletter ein Schnäppchen.
  • Sehr viele deutsche Follower zu finden, ist sowieso nicht so einfach. Der Dienst hat zwar mittlerweile weltweit über 75 Millionen Nutzer, aber weniger als 15 Millionen davon sind wirklich aktiv. Der Rest hat einen Account, hört aber im besten Fall nur zu. Für Deutschland schätzt man ca. 230.000 aktive Nutzer. Das ist als Zielgruppe nicht wahnsinnig groß.
  • Es gibt keine Zahlen für Response-Raten, d.h. wie viele Follower auf getwitterte Links geklickt haben. Die dürften nach meiner Einschätzung aber auch äußerst gering sein. (Update: Gemeint sind Links in Werbe-Tweets)

Wenn man Twittern so nicht rechnen kann, warum sollte man es trotzdem tun? Dazu muss man sich vom Denkansatz des Direktmarketings lösen.

  1. Twitter ist kein weiterer Kanal, in dem man seine Angebote kippen kann. Twitter ist ein soziales Netzwerk, und das ist in erste Linie sozial. Und sozial heißt, dass sich Menschen miteinander unterhalten - und keine Werbeanzeigen untereinander austauschen.
  2. Twitter ist keine Einbahnstraße wie ein Newsletter, sondern Duplexkommunikation. Wenn man spricht, kommen Antworten zurück. Kommunikation statt Frontalbeschallung.
  3. Die Twittergemeinde ist nicht groß, sie umfasst aber viele Meinungsführer und Multiplikatoren. Wenn man diese positiv für sein Unternehmen oder seine Produkte einnimmt, dann strahlt das weit. Letzte Woche konnte man dies wieder sehr schön beobachten: Don Alphonso, "wortgewaltiger Anführer der Blog-Fundamentalisten" (Peter Turi) zeterte zuerst in der F.A.Z. gegen selbsternannte Social Media-Berater als "Schelmexperten" und legte dann im Blog noch einmal nach. Schaut man sich die Auswertung nach Begriffen wie "Schelmexperte" und "Schelm und Social Media" an, so sieht man deutlich, welche Welle ein gut vernetzter Vordenker auslösen kann (Der F.A.Z.Net-Artikel wurde am 16.2. nachmittags veröffentlicht. Die in den nächsten Tagen folgenden 229 Twitter-Meldungen gingen an über 217.000 Follower):
    Social Media Auswertung
  4. Twitter ist ein hervorragender Nachrichtenkanal. Wer den richtigen Leuten aus seiner Branche folgt, erfährt eine Menge interessanter Informationen. Und das sehr häufig früher, als es in den Online-Branchennews auftaucht (von Print gar nicht erst zu reden).
  5. Twitter kann Kunden binden (siehe z.B. hier). Das geht aber nur, wenn die Personen hinter dem Twitteraccount sichtbar werden. Oder würden Sie sich an einen Newsletter gebunden fühlen?
  6. Twitter ist eine Chance, mit seinen Kunden (und denen, die es werden wollen) ins Gespräch zu kommen. Dabei erfährt man aus erster Hand, wie die Kunden über das Unternehmen denken, bekommt Verbesserungsvorschläge und Lob - oder muss sich auch Kritik anhören. Letztes bietet die große Chance, bei Lösung des geschilderten Problems die verärgerten Kunden zu zufriedenen Kunden zu machen. Und dass diese gute Botschafter der eigenen Marke sind, brauche ich sicherlich nicht extra zu erwähnen... Ich habe einmal zwei Beispiele herausgesucht: Welchen Tweet würden Sie lieber über Ihr Unternehmen lesen?
    Twitter-Meldung über AliceTwitter-Meldung über VodafoneUwe Knaus, Manager Corporate Blogging & Social Media Strategy Communications bei Daimler, einem der aktivsten deutschen Konzerne in Sachen Social Media, spricht sogar vom "Risk of Ignoring" im Sinne von: Welches Risiko geht ein Unternehmen ein, wenn es Social Media ignoriert? Das kann im Zweifel eine Menge sein, wie auch der Fall Jack Wolfskin zeigt. Aber das ist ein eigenes Thema für sich.

Richtig genutzt ist Twitter also so etwas wie das Ohr im Markt oder ein direkter Draht zu den Kunden. Denen kann man auch mal ein Produkt empfehlen, wer sich aber darauf beschränkt, wird keinen Erfolg haben. Insofern lässt sich Twitter nicht nach ROI-Maßstäben rechnen. Vielleicht helfen aber einige der oben genannten Argumente, um Twitter doch für das eigene Unternehmen zu nutzen.

P.S. Dies ist die ausführliche Version meines Artikels in der Xing-Gruppe "Corporate Communikations". Herzlichen Dank an dieser Stelle für die positiven Reaktionen darauf!

Kommentare (11)
  • Robert  - Klickrate
    zu dem Punkt "s gibt keine Zahlen für Response-Raten, d.h. wie viele Follower auf getwitterte Links geklickt haben. Die dürften nach meiner Einschätzung aber auch äußerst gering sein." = Habe via bit.ly beobachtet, dass sich die Klickrate um 1-2% bewegt. Das schwankt je nach Tages/Abendzeit und Meldung natürlich. Aber in the long run sind es die 1-2%. Beobachtungszeitraum: +3 Monate. Ca. 30.000 Klicks.
  • Volker Meise
    Danke für die Info. 1-2% sind ja gar nicht so schlecht. Auf welche Art von Tweets bezieht sich das denn? Ich denke, es dürfte ein Unterschied sein, ob man einen Link auf z.B. eine aktuelle Meldung twittert oder ob es ein Link auf ein Angebot in einem Werbetweet ist (letzteres meinte ich im Artikel, das füge ich gleich mal ein).
  • Don Alphonso
    Da sind zwei massive Denkfehler dabei:

    1. Ich bezweifle, dass es in Deutschland überhaupt so viele aktive Twitterkonsumenten gibt. Die hohe Zahl der Follower kommt nur zustande, weil viele Leute vielen Leuten folgen, das heisst: Die werden die Meldung zwei, drei, zehnmal gelesen haben. Und dann dampft die Zahl massiv auf ein paar Zehntausend ein.

    2. Bei massiven Nutzern von Twitter von "Meinungsführern" zu sprechen, ist mehr als fragwürdig. Rechnet man die mehr oder weniger prekären Arbeitslosen und Gschaftlhuber raus, bleibt nur eine Handvoll Leute übrig, die jenseits des Inzests als relevant gelten dürfen. Es gibt ein paar Rückmeldungen, dass bei Beratern fragende Kunden auftauchen - aber die beziehen sich auf den Printartikel, nicht auf Online.

    Also, ich wäre enorm vorsichtig mit solchen Analysen: Der Schocker ist, dass es in der FAZ steht. Und nicht bei FAZ.net.
  • Volker Meise
    Hm, nicht alles, was vielleicht nicht bis ins Detail ausgeführt wurde, ist ein massiver Denkfehler:

    Zu 1.: Natürlich ist die hohe Zahl der Follower nicht überschneidungsfrei, und natürlich haben auch nicht alle die entsprechenden Tweets gelesen. Darum habe ich auch geschrieben "...gingen an über 217.000 Follower" und nicht "erreichten". Im Englischen heißt es "tweets have been exposed to xyz followers", was die Sache besser trifft. Ganz exakt müsste es eigentlich heißen: Über 217.000 mal sind Tweets zu dem Thema zu Followern geschickt worden. Die genau Anzahl der Tweets, die wirklich gelesen worden sind, ist schlichtweg nicht herauszufinden.
    Ich halte es trotzdem für interessant, die Verbreitung von Nachrichten bei Twitter zu messen. Wenn man mit mehr Erfahrungswerten die Zahlen in Relation zueinander setzt, werden diese Werte wahrscheinlich nicht mehr so spektakulär erscheinen.

    Zu 2.: Ich will jetzt hier keine Diskussion vom Zaun brechen, was Meinungsführer eigentlich ausmacht, aber es ist ja schon so, dass einigen bei Twitter (und anderswo) mehr zugehört wird als anderen. Ob das qualitativ vergleichbar ist und ob alle immer die eigene Meinung vertreten, steht auf einem ganz anderen Blatt. Dass einige "Schelmexperten" mehr gehört werden, da sie lauter schreien, ist nun mal leider so. Das ist im nicht-virtuellen Leben aber auch nicht anders.
    Dass die Rückmeldungen aufgrund des Print-Artikels kommen, wundert mich nicht. Die Entscheider lesen mehr FAZ als Blogs. Allerdings ist es immer öfter so (wenn auch nicht in diesem Fall), dass Themen sich virtuell entwickeln und bei ausreichend großer Resonanz von den Print-Medien aufgegriffen werden. Für Unternehmen macht es daher schon Sinn, das Ohr am digitalen Volk zu haben, um Themen rechtzeitig aufzugreifen.
  • C.H.
    Zum Thema Follower finde ich muss man folgendes beachten:

    Es soltte nicht von Vornherein das Ziel für ein twitterndes Unternehmen sein, so viel Follower wie möglich zu generieren. Betrachten wir bspw. Unternehmen die im B2B-Bereich beheimatet sind, macht dies auch keineswegs Sinn. Ein Monitoring der Follower ist daher meines Erachtens sehr sinnvoll. So kann man Spammer eliminieren und Interessengruppen verfolgen. Auf diesem Weg kann u.a. beobachtet werden, wer und wo über mich geredet wird...

  • Volker Meise
    Das sehe ich genauso. Natürlich bedeuten mehr Follower auch mehr Reichweite, wenn man in Direktmarketing-Kategorien denkt. Benutzt man Twitter aber zum Dialog, kommt es eher auf das Engagement und die Relevanz der Follower an.

    Wenn man dann noch beobachtet, was über sich und den Markt geschrieben wird, erhält man Informationen zum Teil aus erster Hand und unverfälscht. Extrem wertvoll, wenn man damit umzugehen weiß.
  • C.H.
    Mehr Follower bedeuten sicherlich mehr Reichweite. Die Frage stellt sich nur, welche Qualität diese Reichweite hat.
  • C.H.
    Sicher kann man nicht gleich bei massiven Nutzern von Meinungsführern sprechen. Jedoch ist nicht abzustreiten ist, dass viele Entscheider und Beeinflusser in Unternehmen Informationen vorab über das Internet suchen. Dies zeigt auch eine Studie von Marketing Sherpa. Sicher darf man solche Studien nicht überbewerten, es zeichnen sich jedoch gewisse Trends ab.
    Es wäre auch sehr paradox, würden sich Individuen komplett anders verhalten nur wenn sie ein Unternehmen betreten. Oder suchen Sie nie nach Informationen im World Wide Web zu Dingen die sich beabsichtigen zu kaufen?
  • Luc
    Eines sollte angefügt werden: Der Beitrag von Don Alphonso hatte genau jene Gruppe im Visier, die einen *ganz erheblichen* Teil der Twitteruser ausmacht: Social Media-"Experten" eben.

    "welche Welle ein gut vernetzter Vordenker auslösen kann" - gilt das auch, sagen wir, für das Dämmstoff-Business? Ist Twitter wirklich relevant jenseits von Internet-Themen?

    Nur so ein Gedanke...
  • Volker Meise
    Gegenfrage: Unterhalten sich alle 230.000 aktiven deutschen Twitter-Nutzer nur über Internet-Themen? Ich glaube nicht. Natürlich sind zurzeit besonders viele Web-Professionals auf Twitter vertreten. Das dürfte sich aber relativieren, wenn sich der Dienst weiter verbreitet.

    Ein Kunde von mir veranstaltet eine Fachmesse über Verbundwerkstoffe und twittert unter @ceshow mit aktuell 1.517 sozusagen handverlesenen Followern. Davon sind natürlich viele international, aber sicherlich "Schelmexperten"-unverdächtig. Twitter ist in dieser Branche ein Tool zum Austausch und zur Information untereinander. Der Begriff "gut vernetzter Vordenker" bezieht sich damit immer auf die Domäne, die man betrachtet.

    Um das einzuschätzen, hilft ein Blick über den großen Teich. Dort ist Twitter in Sachen Nutzerzahl und Selbstverständlichkeit der Nutzung deutlich weiter. Dort würde mittlerweile niemand auf die Idee kommen, dass Twitter nur für Internet-Themen relevant ist.
  • C.H.
    Das es diese User gibt, keine Frage. Jedoch sollte man mal ein wenig von der typisch deutschen konservativen Haltung Abstand nehmen.
    Um Social Media effektiv zu nutzen muss man Monitoring betreiben, um mögliche sog. schwarze Schafe zu eliminieren.
    Es gibt zahlreiche Beispiele für Social Media Konzepte außerhalb der Internet-Themen, die funktionieren:
    http://blog.yoosocial.ch/fallbeispiel-eine-erfolgreiche-facebook-marke ting-kampagne/
    Das Social Media Anwendungen nicht das alleinige Rezept für ein optimales Marketing ist, sollte auch jedem klar sein, der ein wenig Ahnung hat.
Kommentar schreiben
Ihre Kontaktdetails:
Kommentare:
[b] [i] [u] [url] [quote] [code] [img]   
:D:angry::angry-red::evil::idea::love::x:no-comments::ooo::pirate::?::(
:sleep::););)):0
Security
Bitte geben Sie den Anti-Spam-Code aus diesem Bild ein.
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 08. Oktober 2010 um 08:48 Uhr
 


Hier schreibe ich über Themen aus dem Bereich digitale Strategie und/oder Social Media, wenn mir das interessant erscheint. Kürzere Hinweise gibt es auf meinem Posterous-Blog.

Meine Meinung äußere ich auch auf Vorträgen zu unterschiedlichen Themen.

Social Media Profile

Sie finden mich auch hier:

Dr. Volker Meise auf LinkedIn Dr. Volker Meise auf Xing Dr. Volker Meise auf Facebook Meistermeise auf Twitter Notizen auf Posterous

Twitter

Die aktuellen Tweets


Add this page to Blinklist Add this page to Del.icoi.us Add this page to Digg Add this page to Facebook Add this page to Furl Add this page to Google Add this page to Ma.Gnolia Add this page to Newsvine Add this page to Reddit Add this page to StumbleUpon Add this page to Technorati Add this page to Yahoo
Copyright © 2009 - 2011 Dr. Volker Meise: Online.Strategie.Beratung. Alle Rechte vorbehalten. Impressum