|
Donnerstag, den 10. Mai 2012 um 10:15 Uhr |
|
Liebe Urheber, liebe Zeit,
heute macht ihr euch in der Print-Ausgabe der Zeit für die Rechte der Urheber stark (siehe auch https://netzpolitik.org/2012/nochmal-100-kopfe-diesmal-in-der-zeit/). Schön.
Dabei schreibt ihr u.a. das:
"... Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen...." (siehe auch http://www.wir-sind-die-urheber.de/).
Darf ich kurz dazu einen Kommentar loslassen?
HÖRT BITTE AUF MIT PAUSCHALEN FORDERUNGEN, MACHT ENDLICH VORSCHLÄGE!!!!! UND ZWAR KONSTRUKTIVE!
"Es gilt, den Schutz des Urheberrechts ... den heutigen Bedingungen ... anzupassen." Ach nee. Darüber zerbrechen sich jede Menge kluger Menschen seit einiger Zeit die Köpfe - schon mitbekommen? Und da das Thema nicht unkomplex ist, haben die bisher noch keine Lösung gefunden. Es gibt also noch viel Raum, sich einzubringen. Mit kreativen Ideen, mit neuen Lösungsansätzen. Das würde helfen.
Denn pauschale Forderungen bringen uns nicht weiter, auch wenn sie noch so bunt und groß gedruckt sind.
Des Weiteren schreibt ihr: "Der in diesem Zusammenhang behauptete Interessen-gegensatz zwischen Urhebern und "Verwertern" entwirft ein abwegiges Bild unserer Arbeitsrealität. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen." Ja, genau. Das soll ja auch so bleiben - nur das "wenn" ist der Knackpunkt. Denn es bestehen große Zweifel daran, dass die Verwerter in der aktuellen Situation eure Interessen wirklich bestmöglich vertreten. Mit alten Geschäftsmodellen kommt man nämlich heute nicht mehr weit.
Wir brauchen also neue Modelle, neue Ideen, wie die digitale Realität umzusetzen ist, damit alle etwas davon haben. Freigabe aller Kopien kann es nicht sein, die völlige Überwachung des Webs zur Ahndung von Urheberrechtsverstößen auch nicht. Also müssen wir irgendetwas dazwischen finden. Setzt doch eure Kreativität ein, dort etwas zu entwickeln. Das wäre viel hilfreicher, als solche Aufrufe zu unterscheiben. Danke.
MfG
Ein leicht genervtes Mitglied der "Netzgemeinde"
(Teile als Crosspost von Google+: https://plus.google.com/u/0/104135034057747253597/posts/c85PaRKPBd9, siehe auch die Kommentare dort.)
|
|
Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 10. Mai 2012 um 10:37 Uhr |
|
Donnerstag, den 03. Mai 2012 um 19:18 Uhr |
|
Nach zwei Tagen re:publica sitze ich im Zug zurück in die Heimat. Den dritten Tag werde ich nicht mehr vor Ort, sondern die Sessions nur noch (wahrscheinlich in Bruchstücken) vor dem Rechner miterleben können. Das ist schade, aber besser als in den letzen Jahren, als ich gar nicht nach Berlin kommen konnte.
Nun lasse ich die Eindrücke Revue passieren und überlege, was für ein persönliches Fazit ich aus den ersten beiden Tagen der Konferenz ziehen soll. Das ist zunächst ein sehr positives: Die viel zitierte Klassentreffen-Atmosphäre ist wirklich da und es ist schön (und manchmal überraschend), Social Media-Bekanntschaften auch den Teil des Körpers zuordnen zu können, der sich unterhalb des Avatar-Bildes befindet. Daneben ist es natürlich sowieso spannend, sich mit einem bunten Haufen Gleichgesinnten über diverseste Themen auszutauschen. Alles bestens also?
Nicht ganz. Etwas fehlt mir. Etwas wichtiges: Die Relevanz. Und das Business.
Da spricht die gesamte Republik über die aktuellen Wahlerfolge der Piraten und die dahinter liegenden Gründe, die Urheberrechtsdiskussion schlägt hohe Wellen, die wirtschaftlichen Folgen neuen Rechts für Verwerter, Urheber und ganze Branchen sind ungeklärt, und drüben über den großen Teich geht die größte jemals existierende Webplattform an die Börse und kauft vorher noch einmal für eine Milliarde Dollar Unternehmen auf. Und in Berlin treffen sich die Protagonisten des deutschen Webs und diskutieren über - ja, über was eigentlich? Irgendwie über alles und nichts. Das Themenspektrum ist breit, jeder findet etwas für sich, aber die allermeisten Sessions machen einen großen Bogen um die beiden Mega-Themen: Wer hat die Macht im Web und wer verdient warum wirklich Geld mit welchen Geschäftsmodellen?
Denn es sollte eigentlich jedem klar sein, dass die Entscheidungen über die Zukunft des Webs entweder aus der Perspektive des Machterhalts (Politik) oder wirtschaftlicher Interessen (Unternehmen) getroffen werden. Darum müsste sich eine Netzkonferenz, welche eine Leitwirkung ausstrahlen will, insbesondere mit der Analyse und Herausarbeitung von politischen und unternehmerischen Entscheidungsprozessen, machtpolitischen Schachzügen, wirtschaftlichen Strategien und neuen Geschäftsmodellen widmen - nicht ausschließlich, aber schwerpunktmäßig neben den anderen Themenbereichen.
Einige zaghafte Versuche gab es ja - aber die Diskussion um den digitalen Dorfplatz brachte zwar die Zuspitzung "AGB oder Grundgesetz" hervor, war mit einer Stunde aber viel zu knapp bemessen. Und das eigentlich sehr spannende Thema "Disruption von Geschäftsmodellen" krankte an seiner eher theoretischen Aufarbeitung. So war es (wieder einmal) Sascha Lobo vorbehalten, der versammelten Netzgemeinde ihre Aufgaben ins Stammbuch zu schreiben: Die Überzeugung der 30 Millionen "Internotnutzer", dass netzpolitische Ideen durchaus wichtig und unterstützenswert sind, die Gefahr der Aufhebung der Netzneutralität durch die Hintertür und zunehmende Machtkonzentration bei wenigen Unternehmen, die wirtschaftlich, nicht nach Allgemeininteresse ausgerichtet sind und handeln.
Das sind auch aus meiner Sicht die Themen, über die sich die klügsten Köpfe des Webs austauschen sollten, wenn sie denn alle zusammenkommen. Dazu sollten gerne noch mehr Vertreter von großen Unternehmen wie Google, Facebook & Co. kommen und ihre Sicht der Zukunft (nicht die ihrer Produkte) vorstellen. Das hätte zum Einen den Vorteil, dass man die Meinung wirklicher Entscheider kennenlernt und zum Anderen ihnen auch gleich Wünsche und Meinungen mitgeben kann.
Eine solche Richtungsänderung der re:publica mag vielleicht von einigen als zu kommerziell abgelehnt werden, sie ist aber meines Ermessens unbedingt notwendig, wenn die Veranstaltung in Zukunft weiterhin den Anspruch erheben will, richtungsweisende Entscheidungen für das Web mitzugestalten. Denn das hat sie verdient.
[UPDATE 04.05.2012]
Vorhin verfolgte ich den Live-Stream von Stage 1, es sprachen Jacob Appelbaum und Dmytri Kleiner zum Thema "Resisting the surveillance state and its network effects" (übrigens sehr spannend, viele Einsichten vermittelnd und nachdenklich machend). Die beiden Redner sagten klar: Die Strukturen im Netz, insbesondere Social Networks, können nicht mehr von Freiwilligen in ihrer Freizeit programmiert und betrieben werden. Sie werden von Unternehmen geschaffen, die dafür Geld von Investoren einsammeln. Dafür bieten die Unternehmensgründer ihren Geldgebern ein Geschäftsmodell an, um die Investitionen wieder hereinzuspielen. Oder klar ausgedrückt: Die Plattformen, die wir zum Austausch und zur Diskussion nutzen, sind nicht dazu gemacht, um uns genau das möglichst frei und ungehindert zu ermöglichen, sondern sie funktionieren knallhart nach wirtschaftlichen Kriterien. Und tun sie das nicht, existieren sie bald nicht mehr. Das kann man gut finden oder auch nicht, es ist aber nun einmal die Realität.
Will man im Netz etwas verändern, so muss man die ökonomischen Regeln, Gebräuche und Handlungszwänge verstehen, denen fast alle Netzfirmen unterliegen. Und die Beschäftigung mit diesem Themen fehlt mir total auf der re:publica. Ich habe keine Ahnung, ob Wirtschaft uncool ist oder einfach die passenden Redner fehlen, aber gerade dann sollte man anstreben, die Netzgemeinde in diesen Dingen etwas zu schulen. Warum lässt man nicht einen Experten die Zahlen von Facebook vor dem Börsengang analysieren und einschätzen, welche Einflüsse eine Börsennotierung auf die zukünftige Strategie von Facebook haben könnte? Warum erklärt keiner die neuesten Entwicklungen auf dem Technologiesektor und deren Auswirkungen auf Kommunikation und Interaktion? Wieso erläutert niemand die Marktgrößen von Print und Musik, deren Entwicklung in den letzten Jahren und diskutiert die Konsequenzen von Urheberrechtsänderungen?
Das sind die Fragen, welche den anstehenden Weichenstellungen zugrunde liegen. Es wäre wirklich zu wünschen, wenn das Spektrum der re:publica in Zukunft um diese Aspekte erweitert würde.
|
|
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 04. Mai 2012 um 14:29 Uhr |
|
Montag, den 02. April 2012 um 13:36 Uhr |
|
Zurzeit brandet ja die Diskussion um eine grundsätzliche Änderung des Urheberrechts hoch, mit immer mehr emotionalen Beiträgen, zuletzt von Sven Regener, dem Sänger der Band Elememt of Crime (hier sein Interview auf BR2). Dabei wird gerne polarisiert, von Seiten der Befürworter des aktuellen Status wie auch von den Streitern einer weitgehenden Freigabe der Rechte (eine immer länger werdende Liste aller Beiträge findet sich bei Heike Rost).
Nun zähle ich mich eigentlich eher zugehörig zu der "Netzgemeinde", wie auch immer sie genau definiert sein mag und bin sicher kein Unterstützer der unbedingten Aufrechterhaltung überholter Geschäftsmodelle per Gesetz. Ich stimme auch vorbehaltlos zu, wenn das Internet als Katalysator vieler positiver Entwicklungen gesehen wird und ein möglichst freier Austausch von Inhalten und Ideen gefördert werden soll. Allerdings weiß ich nicht, ob "frei" auch immer "kostenlos" heißen muss. Denn ich bin in Sorge, dass ohne Einnahmen aus den Inhalten viele Urheber nicht mehr in der Lage sein werden, welche zu produzieren.
Bei den Hauptpunkten pro freies Kopieren stört mich besonders, dass einige grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten komplett ausblendet werden und deshalb aus meiner Sicht falsche Schlüsse gezogen werden. Dabei handelt es sich um die Argumentationen:
Freies Kopieren und freie Nutzung: Da es keinen effektiven Kopierschutz gibt, sollte man digitale Kopien urheberrechtlich geschützten Materials gleich freigeben. Denn freie Kopien fördern die Entwicklung der Gesellschaft.
Es braucht heutzutage keine Verlage oder Medienkonzerne, die Künstler können sich selbst vermarkten: Die Geschäftsmodelle der Musikindustrie und der Verlage sind überholt, die Künster und Autoren können sich selbst vermarkten.
Das sehe ich (mittlerweile) etwas differenzierter:
These 1: Die aktuellen Geschäftsmodelle der Musikindustrie und Verlage mögen überholt sein, ihre Funktionen sind es nicht.
Denn zurzeit mag die gern beispielhaft angeführte Eigenvermarktung einiger Künster und Autoren im Netz funktionieren, weil es noch wenige tun. Wenn sich aber mehr Künstler um die Aufmerksamkeit einer in etwa gleichbleibenden Anzahl vob Hörern/Nutzern/Käufern streiten, dann wird der einzelne Künstler weniger vom Kuchen abbekommen - das ist einfache Mathematik. Ob die erzielten Einnahmen dann noch für alle zum Leben reichen, bezweifle ich.
Die logische Folge zunehmender Eigenvermarktung ist, dass sich die Künstler und Autoren selbst um Marketing und Vertrieb kümmern müssen. Ja, genau das böse Marketing, was die Plattenfirmen bisher machen. Denn mit geistigen Werken ist es wie mit schnöden physischen Produkten: Mehr von ihrem Zeug verkaufen dann im Zweifel diejenigen, die das bessere Marketing machen (solange ihre Musik oder Schreibe das hergibt).
Nun ist aber dummerweise das Talent zur Vermarktung nicht analog zu dem für das Musikmachen oder Schreiben verteilt. Das gleiche gilt für das individuelle Budget, welches fürs Marketing ausgegeben werden kann. Oder anders ausgedrückt: Wer es selbst nicht kann oder will, beauftragt Leute, die mehr davon verstehen. Und das kostet Geld. Künster und Autoren, die sich ein angemessenes Vertriebs- und Marketingbudget leisten können, haben damit kein Problem - aber das sind nur wenige. Der Rest ist darauf angewiesen, dass jemand anderes in Vorleistung geht, sonst wird niemand etwas von der Musik und/oder Büchern erfahren. Und genau das machen heutzutage Verlage und Labels.
Zwischenfazit 1: Die Erstellung von Inhalten braucht grundlegende Voraussetzungen, welche nicht wegdiskutiert werden können. Auch wenn Verlage und Labels in Zukunft anders aussehen als heute und ihre Funktionen vielleicht von anderen erfüllt werden - irgendwer muss Produktion, Marketing, Vertrieb usw. übernehmen. Und im Zweifel vorfinanzieren. Das können die Urheber im Gegensatz zu manchen Darstellungen nicht leisten.
These 2: Es braucht neue Geschäftsmodelle für die digitale Inhaltevermarktung. Dabei darf aber der Verkauf von Inhalten nicht ausgeschlossen werden.
Es sind nun also schon mindestens zwei Parteien, die Einnahmen durch die Inhalte erwarten: Die Produzenten/Marketingler/Vertriebler, die in Vorleistung gegangen sind, und die Urheber selbst, welche schließlich von ihrer Arbeit leben wollen. Drei Modelle zur Erzielung von Einnahmen aus digitalen Inhalten werden üblicherweise in der Diskussion genannt:
- Einnahmen aus dem Verkauf der Inhalte.
- Einnahmen aus physischen Nebengeschäften wie Konzerte, Lesungen, Merchandising etc.
- Einnahmen aus Werbung auf Webseiten, auf dem das Material zu finden ist.
Die dritte Variante wird häufig als das "neue Geschäftsmodell" genannt. Dummerweise sagt die Erfahrung der letzten Jahre, dass das so einfach nicht funktioniert. Die Preise für Werbung im Web sind aufgrund des Überangebots von Werbeplätzen im Keller, sodass damit nur ganz große Webseiten profitabel arbeiten können. Eine auskömmliche Finanzerung von allen Künstlern oder Autoren durch die Partizipation an Werbeeinnahmen ist schlichtweg unmöglich.
Die zweite Variante mag für bekannte Künstler eine Lösung sein, für die überwiegende Anzahl von Autoren und Musikern ist sie es nicht. Denn die tauchen gerade vielleicht einmal im Impressum der Zeitung oder als Kürzel unter den Artikeln auf - eine denkbar schlechte Ausgangsposition für eine Vermarketung.
Bleibt also noch das gute alte Verkaufen der Inhalte. Und das geschieht zum überwiegenden Teil an Private, also genau die Zielgruppe, für die die Kopien frei sein sollen. Mit der Freigabe der Kopien würde dieser komplette Verwertungszweig wegfallen - denn wenn der private Austausch von Dateien frei ist, braucht es keine Kaufportale wie iTunes oder amazon & Co. mehr. Warum sollte ich Geld für Musik und eBooks ausgeben, wenn ich sie bei peer-to-peer Netzwerken umsonst bekomme?
Zwischenfazit 2: Die Freigabe von Kopien würde die größte Säule der Einnahmen komplett wegbrechen lassen und so die monitäre Verwertung von digitalen Inhalten sowohl für Verwerter als auch für Urheber bis auf Ausnahmen fast unmöglich machen - ohne die Aussicht auf alternative Verwertungsmodelle. Das würde gerade die Urheber extenziell treffen und kann nicht Sinn und Zweck einer Urheberrechtsreform sein.
Fazit: Die generelle Freigabe von Kopien schüttet das Kind mit dem Bade aus.
Die Kritik an den großen Verwertern digitaler Inhalte, der Musikindustrie und den Verlagen, mag berechtigt sein. Die Geschäftsmodelle sind teilweise veraltet und haben sich den neuen Gegebenheiten noch nicht angepasst. Dennoch sind die Funktionen dieser Institutionen die Voraussetzung (neudeutsch würde ich "Enabler" sagen) dafür, dass viele Inhalte überhaupt erst erstellt und produziert werden. Die vollständige Freigabe der Kopie mag zunächst für die Gesellschaft förderlich sein, führt aber durch das Wegfallen der Monetarisierungsmöglichkeit dazu, dass Urheber sich das Urheben nicht mehr leisten können und somit Menge und Vielfalt insbesondere von Musik und Literatur dramatisch zurückgehen wird. Damit wird genau das Gegenteil davon erreicht, was eigentlich Ziel der Übung war.
|
|
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 02. April 2012 um 13:43 Uhr |
|