Social Media ist unberechenbar

Letzte Woche saß ich mal wieder auf der Seite des Tisches, die sich die Präsentationen von Agenturen für einen Pitch anhören durfte. Diesmal ging es um die Weiterentwicklung und Betreuung eines bereits existierenden Facebooks-Auftritts. Als ich den Pitch-Tag abends für mich rekapitulierte, verfestigte sich ein Eindruck: Social Media ist unberechenbar.

Die – übrigens durchgehend guten – Vorstellungen der Agenturen waren nämlich nicht nur wegen ihrer kreativen Ideen interessant, sondern auch in Hinblick auf die vorgeschlagene Struktur des Facebook-Marketings. Als Ziel war eine konkrete, recht herausfordernde Anzahl von Fans in der Zielgruppe ausgegeben, die Ende des Jahres erreicht werden sollte. Dabei war klar, dass die Masse von Fans allein kein Ziel sein kann, sondern diese Fans auch aktiviert werden müssen, um Marke und Angebote bekannter zu machen.

Zwei Wege, um Fans auf Facebook zu gewinnen

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es grundsätzlich zwei Wege: Entweder man schaltet Anzeigen auf Facebook und gewinnt Fans quasi direkt oder es werden diverse Aktivitäten wie Gewinnspiele etc. veranstaltet, die viral wirken sollen und somit Fans auf die Seite ziehen. Die erste Variante ist sozusagen die sichere, da sich mit etwas Erfahrung aus Budget und Conversionrate die Anzahl der Fans berechnen lässt. Virale Kampagnen sind naturgemäß schwerer zu berechnen – es hängt einfach von zu vielen, zum Teil zufälligen und meist sehr menschlichen Faktoren ab, ob der virale Effekt zustande kommt.

Unter dieser Voraussetzung hätte ich gedacht, dass sich die Vorschläge der Agenturen bei dem klar vorgegebenen Ziel ähneln: Eine beruhigende Basis an Fans durch Anzeigen sichern und den restlichen kleineren Teil durch virale Kampagnen gewinnen. Umso erstaunter war ich, dass die Vorschläge alle Verteilungen (des Budgets) von 25/75 über 50/50 bis zu 75/25 enthielten.

Virale Maßnahmen nicht berechenbar – das erfordert Mut

Was sagt das aus? Entgegen „klassischen“ Werbewegen, wo man aus Erfahrungswerten ziemlich gut die Wirkung von Anzeigen oder anderen Werbemaßnahmen berechnen kann, funktioniert das bei Facebook (noch) nicht. Das liegt natürlich zeitlichen Erfahrungsvorsprung, den die langjährige Beschäftigung mit dem klassischen Online-Marketing mit sich bringt. Das liegt aber auch einfach daran, dass Social Media Kampagnen eben ganz viel „Social“ beinhalten. Und bei allen Erfahrungswerten und Referenzen selbst von spezialisierten Social Media Agenturen gelingt es nicht, belastbare Vorhersagen zum Erfolg von Kampagnen zu machen.

Für werbende Unternehmen ist das natürlich unschön – es braucht Mut, einen Teil seines Marketingbudgets auf unsichere Karten zu setzen. Andererseits ist es auch beruhigend, dass nicht alles vollständig zu berechnen ist. Das wäre sonst auch ein bisschen langweilig.

In den sauren App-fel gebissen: Warum eine separate App-Strategie die Verlage in die Sackgasse führt

Apple hat diese Tage das neue Abo-Modell für seinen App-Store eingeführt (Pressemitteilung) und einmal mehr klar gemacht, wer auf der Apple-Plattform das Sagen hat: Steve Jobs und niemand anderes. Die Verlage müssen auf alle Abos, welche innerhalb des App-Stores abgeschlossen werden, 30% des Umsatzes an Apple abgeben. Wollen sie Angebote außerhalb des Stores anbieten, so dürfen diese die App-Store Entsprechungen nicht im Preis unterbieten.

Das iPad

Freie unternehmerische Entscheidungen sehen anders aus.

Es mag sein, dass die deutschen Verleger langsam merken, dass die anfangs bejubelte neue digitale Welt des iPads nun doch nicht die Rettung ihres Geschäfts darstellt. Denn im Gegensatz zur auf die Medien angewiesenen Bundesregierung, die sich ein Leistungsschutzrecht in den Koalitionsvertrag schreiben lässt, gehen Herrn Jobs bei der Führung eines der weltweit größten Unternehmen die Wünsche regionaler deutscher Verleger ziemlich weit am Allerwertesten vorbei.

Doch nicht nur die Abhängigkeit von Apple macht die Konzentration auf Zeitungs- oder Zeitschriften-Apps zu keiner guten Idee. Es sind zwei Gründe, warum reine App-Strategien auch ohne Apple-Diktatur langfristig scheitern werden:

1. Die Funktionalität von Apps und Webseiten konvergiert

Manchmal wünsche ich mir, dass Helmut Markworts Spruch „…und immer an die Leser denken“ ernster genommen würde. Das iPad hat zwar eine neue Art des digitalen Publizierens und Konsumierens möglich gemacht. Ich habe aber das Gefühl, dass die Verleger ihrer Euphorie übersehen, dass das traditionelle Surfen auf Webseiten mit den Tablets immer noch möglich (und bequemer denn je) ist. Aus Sicht der Leser müssen Apps daher deutlichen Mehrwert im Vergleich zu normalen, frei zugänglichen Webseiten bieten – sonst dürfte kaum jemand bereit sein, für eine App zu zahlen.

Zurzeit überwiegt oft noch die Neugier auf das Neue und das Spiel mit den neuen technischen Möglichkeiten, welche Apps gegenüber Webseiten bieten, um ein App-Abo abzuschließen. Mit der Verbreitung von HTML5 und den damit einhergehenden technischen Möglichkeiten (sehr schön bei www.thewildernessdowndown.com zu sehen) wird dieser Vorsprung aber schnell schmelzen und gut programmierte Webseiten werden Apps in Funktionalität und Lesekomfort kaum nachstehen. Das dürfte den Verkaufszahlen der Apps nicht zuträglich sein.

2. Die Erstellung von Apps wird zu aufwendig

Auf dem jüngst beendeten Mobile World Congress in Barcelona haben alle großen Hersteller neue Tablets vorgestellt, die meisten mit Android 3.0 (Honeycomb) als Betriebssystem. Langfristig werden Tablets mit Android genau wie jetzt bereits Smartphones gemessen in Stückzahlen den Marktführer Apple überholen. Um ausreichend Reichweite zu erzielen, müssen daher Apps für Android angeboten werden, und da gibt es ein Problem: Im Gegensatz zum iPad haben die Android-Tablets sehr unterschiedliche Bildschirmgrößen und damit Auflösungen. Um eine attraktive App zu liefern, muss diese auf die Anzeigengröße optimiert werden – und das ist bei der Vielfalt an Tablets einfach nicht darstellbar oder schlicht zu teuer.

Die Verlage müssten sich also entscheiden, viel Geld in die Programmierung der Apps zu stecken oder einen Teil der Zielgruppe nicht mehr (oder schlechter) zu bedienen. Beides kann nicht im Interesse der Verlage sein.

Was tun? Back to the roots

Was ist also die Lösung für eine erfolgreiche Pubblishing-Strategie, wenn es Apps nicht sind? Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, welche sogar gleichzeitig umgesetzt werden können:

A. Die bestehenden Webseiten werden zu „Mittlern von Lebensqualität und Nutzwert“ erweitert, wie es Walterpeter Twer, Verleger der Rhein-Zeitung, im W&V-Interview so passend formuliert und generieren so Umsatz mit Werbung und Dienstleistungen, welche im Zusammenhang mit dem eigentlichen Publikationsthema stehen (nachträgliche Anmerkung: Ähnlich hatte ich es ein einem der letzten Blogeinträge formuliert).

B. Oder man maximiert das Lese-Erlebnis, in dem man parallel zur normalen Webseite erweiterte Inhalte (andere Texte, hochauflösende Bilder) im Abonnement anbietet und das Ganze ohne Werbung in sehr hochwertiger Form präsentiert. Das Startup Treesaver zeigt, wie so etwas mittels HTML5 und Javascript funktioniert – im Web, für Tablets und sogar Smartphones (Demo hier, dazu ein (langes, aber interessantes) Interview mit einem der Günder auf YouTube).

Beides geht ganz ohne Apps. Für alle Plattformen, ganz ohne Umsatzbeteiligung und saure Äpfel.

Wasser predigen, Wein trinken – die Rheinische Post und ihre Interpretation des Leistungsschutzrechts [2. Update]

Die Rheinische Post (RP) aus Düsseldorf ist ja eine der angesehenen Zeitungen im Lande und natürlich auch Mitglied im Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der BDZV setzt sich seit geraumer Zeit für das Leistungsschutzrecht ein, das bekanntermaßen die redaktionelle Leistung der Verlage schützen soll. Der BDZV schreibt dazu:

„Täglich entstehen in deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen Tausende aufwendig produzierte Artikel, die im Internetzeitalter aber in Sekundenschnelle von Dritten ausschnittsweise oder komplett übernommen, verwertet und vermarktet werden können. Dieser kommerziellen Nutzung stehen die Verlage schutzlos gegenüber…“

Die RP scheint es aber selbst mit dem Leistungsschutz nicht so genau zu nehmen oder ein etwas anderes Verständnis davon zu haben: Letzte Woche hat Stefan Reinermann von r2medien aus Münster eine kleine Untersuchung zu den Facebook-Seiten der Fußball-Bundesliga Clubs erstellt und mich gebeten, eine Einschätzung der Kriterien Inhalt, Interaktion und Design zu geben. Den Text und das Chart hat Stefan dann verschiedenen Redaktionen zum Kauf angeboten, ich habe in meinem letzten Blogpost ebenfalls darauf hingewiesen. Die Reaktionen waren recht erfreulich, so veröffentlichten die Westfälischen Nachrichten gestern den Originaltext samt Chart sowohl in der Zeitung als auch im Web – hier zu lesen.

Das Erstaunen von Stefan (und mir) war dann groß, als wir heute auf den Webseiten der RP unsere Auswertung wiederfanden – allerdings mit anderem Text sowie den Ergebnissen der Auswertung auf eine Klickstrecke ausgedehnt. Als Autor stand ein Nicolas Berthold über dem Artikel. Von Stefan oder mir kein Wort (Screenshot des Artikels liegt vor).

Stefan wandte sich natürlich direkt an die Redaktion und erfuhr, dass der Artikel von einem freien Mitarbeiter stamme und er doch bitte seine Eingabe noch einmal per E-Mail schicken solle. Das tat er, und tatsächlich änderte die RP den Text und erwähnt nun Stefans Agentur r2medien und mich im Artikel. Stefans Hinweis, dass ihm als Urheber auch ein Honorar zustände, beantwortete die Rechtsabteilung abschlägig: Die Idee eines Rankings sei ja urheberrechtlich nicht geschützt und die Zahlen der Facebook-Fans sind auch frei abrufbar. Eine Übernahme eines urheberrechtlich geschützten Werkes sei hier nicht zu erkennen.

Hallo? Liebe RP, was ist das denn für eine Argumentation?

Natürlich kann jeder ein Ranking der Bundesliga-Vereine nach der Anzahl ihrer Facebook-Fans erstellen und dazu die Zahlen von den Facebook-Seiten abschreiben. Das ist keine einzigartige Idee und sicher nicht schützenswert. Wenn sich aber jemand die Mühe macht und dieses tut, dann darf ich nicht die Zahlen von ihm abschreiben, die eigens erstellten Bewertungen übernehmen, den Text umformulieren und dann so tun, als wäre er von mir. Das ist nichts anderes als die kommerzielle Nutzung von Werken Dritter, die im Zuge der Leistungsschutzrecht-Diskussion so angeprangert wird. Und im Gegensatz zu Google, das die Quelle klar nennt und ihr jede Menge Traffic liefert, wird hier weder das eine noch das andere getan.

Mir bleibt nur ein Kopfschütteln und die erneute Erkenntnis, dass die wohlformulierten Worte von Verbandsvertretern und das reale Handeln ihrer Mitglieder zwei sehr gegensätzliche Welten sind.

Update 04.02.2011: Eine E-Mail der Rechtsabteilung der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft mbH zeigt, dass die RP den entscheidenden Punkt nicht einsieht (oder nicht einsehen will). Mit der Korrektur des Artikels (Nennung von Stefan und mir im Text) sei die Angelegenheit erledigt, eine rechtliche Grundlage für weitere Forderung (= Anerkennung der Urheberschaft) wird nicht gesehen.

Es ist aus der Sicht der RP also nicht urheberrechtlich relevant, wenn ein Ranking mit einer Reihe selbstgewählter Kriterien erstellt und eine Bewertung aus der Sicht eines Experten vorgenommen wird. Da bin ich ja mal gespannt, aus was noch alles die RP in Zukunft schöne Klickstrecken macht.Die treiben bekanntlich die Klickzahlen und damit die Werbeerlöse nach oben.

Ach ja, und ich zitiere noch einmal von den Seiten des BVDZ: „Es steht einem jeden frei, das Angebot der Presseverleger anzunehmen, Leistungen der Online-Presse zu gewerblichen Zwecken zu vervielfältigen. Nur wer dieses Angebot für die Zwecke eigener Gewinnerzielung annimmt, muss dafür ein vertragliches Entgelt zahlen. Andersrum scheint das nicht zu gelten.

Update 07.02.2011: Heute hat sich Rainer Kurlemann, Chefredakteur von RP Online, per E-Mail bei Stefan Reinermann gemeldet und für die Übernahme des Artikels um Entschuldigung gebeten. Zudem ist er bereit, „…auch wenn die Rechtslage offenbar anders ist…“, das übliche Honorar für einen solchen Artikel zu bezahlen. Damit hat sich aus meiner Sicht die Vernunft in der Redaktion gegen die Sicht der Juristen im Verlag durchgesetzt. Schön, dass es das noch gibt.

Die Fußball-Bundesliga im Facebook-Check: Bayern weit vor Dortmund

(Update siehe Ende des Textes) Stefan Reinermann von r2medien hat die Facebook-Auftritte der Bundesliga-Clubs unter die Lupe genommen (Update: Den Artikel in voller Länge gibt es jetzt bei den Westfälischen Nachrichten). Das Ergebnis: Bei der Anzahl der Fans dreht der FC Bayern München den derzeitigen Tabellenstand um und führt mit großem Abstand vor den Verfolgern aus Dortmund. Aber auch die Clubs auf den Plätzen drei bis sieben haben bereits knapp oder über 100.000 Fans auf ihren Seiten versammeln können.

Inhalte gut, Interaktion ausbaufähig

Ich habe mir die Vereinsseiten einmal unter dem qualitativen Aspekt angeschaut – zu sehen an den Daumen in den Spalten Inhalte, Interaktion und Design. Während die Inhalte und das Design überwiegend von den bestehenden Homepages der Vereine übernommen werden und damit gut und professionell daherkommen, gibt es doch in der eigentlichen Domäne von Facebook, der Interaktion mit den Fans, einigen Nachholbedarf. Nur wenige Vereine antworten auf die Kommentare auf ihrer Pinnwand, einige lassen sogar beleidigende Sprüche oder nervende Mehrfachposts stehen. Auch wenn gerade bei den großen Fanpages natürlich nicht jeder Kommentar einer Reaktion bedarf, ließe sich durch mehr Kommunikation deutlich mehr Nähe zu den eigenen Fans herstellen.

Die Facebook-Tabelle der Bundesliga

Die Auswertung hat bereits einige Fans gefunden – z.B. auf den Facebook-Seiten vom 1. FC Köln.

Update 2.2.2011: Christoph Salzig hat in seinem Kommentar auf einige interessante Interviews zum Thema hingewiesen – besten Dank! Für den schnelleren Zugriff nehme ich die Links einmal hier auf:

Kontext, Content und Social Media bestimmen die Zukunft des digitalen Publizierens

Wenn man sich die wichtigsten Entwicklungen des letztes Jahres im Bereich Online/Medien/Kommunikation anschaut, so stechen zwei heraus: Social Media verändert das Kommunikationsverhalten im Web grundlegend und nachhaltig, und das mobile Web wächst mit iPad und Smartphones in beeindruckender Weise. Beide Trends sind bereits so ausgeprägt, dass sie (teilweise noch gar nicht so) alte Märkte verändern und neue begründen.

Das allein ist schon spannend genug – besonders interessant wird es damit für das digitale Publizieren und die Verlage. Hier ist ein Gutteil der Branche kaum im Online-Zeitalter angekommen, geschweige denn hat ein tragfähiges Geschäftsmodell als Ersatz für die wegbrechenden Print-Umsätze entwickelt. Nun steht schon die nächste Revolution vor der Tür – und diese hat erhebliche Auswirkungen auf Ausrichtung, Arbeitsweise und Produkte der Inhalte-Produzenten. Um bei den anstehenden Umwälzungen erfolgreich zu sein, gilt es, insbesondere drei Erfolgsfaktoren zu beachten und seine Organisation darauf auszurichten: Kontext, Content und Social Media.

Wachstum des mobilen Webs

Internet trends report von Morgan Stanley (Quelle)

Die Leser werden mobil – der Content muss folgen.

Das beeindruckende Wachstum des mobilen Internets (laut Google-Chef Eric Schmidt wächst es acht Mal so schnell wie das Internet zur vergleichbaren Zeit) verändert die Nutzungsgewohnheiten und damit die Erfolgskriterien für Online-Publikationen. Wer gelesen werden will, muss zuerst beim Leser sein – das heißt, er muss mobil werden. Denn Inhalte gleich welcher Art werden in Zukunft zum überwiegenden Teil auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablet gelesen. Die Reaktionsgeschwindigkeit von Redaktionen und die Nützlichkeit der Informationen wird dann nicht mehr daran gemessen werden, wann ein Artikel auf der Webseite veröffentlicht wird, sondern daran, wann er beim Leser wirklich ankommt. Denn der will nicht warten, bis er wieder vor einem Rechner sitzt, sondern die Inhalte direkt auf seinem Smartphone oder Tablet sehen – unabhängig davon, wo er sich gerade aufhält. Oder anders ausgedrückt: Wenn der Nutzer eine Information braucht, muss sie verfügbar sein. Nur dann bringt sie ihm den größten Nutzen.

Das mobile Web schafft neue Kontexte

In der Zeit vor iPad und Smartphones gab es beim Online-Publizieren im Web im Prinzip nur ein Anwendungsszenario: Der Nutzer sitzt vor seinem Bildschirm am stationären Rechner und schaut sich an, was auf den Webseiten so geschrieben wird. Als Content-Produzent hatte man wenig Möglichkeiten, auf die individuelle Situation des Lesers einzugehen. Viel mehr Informationen als die, welche Uhrzeit, Browsereinstellungen und eventuell Cookies und Referrer hergeben, hatte man nicht zur Verfügung.

Das mobile Web verändert das nun grundlegend. Bei aktuellen Smartphones und Tablets stehen aufgrund ihrer technischen Ausstattung (GPS, Kamera, Bewegungssensor), der Verknüpfung von Apps (Terminkalender, Kontakte, Maps), Social Media Netzwerken (Facebook, Twitter) und mobiler Dienste (Foursquare, Facebook Places) nun Daten wie Ort, Zeit, Bewegung, Termine, Umfeld, verbundene Kontakte in der Umgebung und in Zukunft sogar über die Erkennungsleistung der Kamera die Blickrichtung und die gerade betrachteten Objekte zur Verfügung. Die Möglichkeiten, seine Inhalte auf die gerade vorherrschende Situation maßzuschneidern und damit seinen Lesern einen perfekten Service sowie größten Nutzen zu bieten, sind fast grenzenlos.

Der „situation based multi-criteria approach“

Ein Beispiel zeigt, wie möglichst viele Kriterien ausgewertet werden können, um den Kontext zu erfassen und dem Nutzer die Inhalte maßgeschneidert aufbereitet zu liefern: Ein Unternehmer will einen gebrauchten Lieferwagen für seinen Fuhrpark kaufen. Er fährt zu einem Händler und schaut sich in Frage kommende Lieferwagen an. Der Verkäufer will ihn natürlich das teuerste Modell mit vielen Zusatzoptionen verkaufen. Der Unternehmer ruft sich auf seinem iPad erst einmal die letzten Testberichte auf und erfährt, welches Modell und Ausstattung empfohlen wird. Eine Checkliste zeigt ihm, auf welche möglichen Mängel er besonders achten muss und gibt auch Preise an, wie teuer eine Beseitigung sein würde. Wenn er wollte, könnte er sogar die bei den Ersatzteilhändlern direkt prüfen, ob die Ersatzteile auf Lager sind. Da der Verkäufer ihm versichert, dass er so einen guten Wagen zu so einem atraktiven Preis nirgendwo anders finden würde, verschafft der Unternehmer sich mit wenigen Klicks einen Überblick über Angebote konkurrierender Händler in der Umgebung für vergleichbare Wagen. Er erfährt, wie weit er für die Besichtigung fahren müsste, wie viel Zeit und Benzin es ihn kosten würde und ob es mit anderen Terminen kollidieren würde. Da der Preis des Händlers wirklich gut ist, überprüft er noch die Angebote seiner Banken zur Fahrzeugfinanzierung, um das Finanzierungskonzept des Händlers bewerten zu können. Nach dem Durchgehen einer Checkliste für Kfz-Kaufverträge besiegelt er den Kauf.

Für die Verlage, welche den Unternehmer als Leser gewinnen (oder halten) wollen, bedeutet dieses Beispiel folgendes: Testberichte, Empfehlungen und Checklisten müssen für die mobile Nutzung aufbereitet sein. Verknüpfungen zu Kfz-Datenbanken, Ersatzteilhändlern und Finanzierungsanbietern müssen angelegt sein und deren Adressdaten zusammen mit der aktuellen Position per Klick Routeninformationen ausgeben können. Wenn alle Inhalte so eingebunden und verbunden sind, entsteht eine maßgeschneiderte Informationslösung für den Unternehmer, die schwer zu kopieren ist und somit ihn als Nutzer an den Verlag bindet.

Inhalte müssen flexibel einsetzbar sein

Der maßgeschneiderte Einsatz von Inhalten hat auch Auswirkung auf ihre Eigenschaften und die Art ihrer Erstellung. Lange Artikel mit ausführlicher Würdigung aller Aspekte des Themas eignen sich eher weniger, um dem Leser vor Ort schnell bei seiner Entscheidungsfindung zu unterstützen. Die Inhalte müssen in knapper und zusammenfassender Form vorliegen sowie so eingeordnet sein, dass sie dem passenden Kontext zugeordnet werden können. So wird der lange Artikel der Print-Ausgabe noch einmal in kurzer und reduzierter Form gespeichert werden, um mobil angezeigt werden zu können. Das „Tagging“, also das Versehen mit Stichworten, wird extrem wichtig: Denn darüber entscheidet sich, wann und damit wie oft der Inhalt angezeigt wird.

Neue Herausforderungen für Verlage: Das Geschäft der Leser verstehen und bedienen.

Für Verlage – und insbesondere die Fachverlage – bedeutet die neue Zeit ein Umdenken in der Art und Weise, wie Inhalte produziert werden. Die Redaktionen müssen nicht nur Inhalte nach den klassischen Qualitätskriterien erstellen, sie müssen die Lebens- und Arbeitswelt ihrer Leser verstehen und wissen, wann und wie ihre Inhalte gebraucht werden – und wie diese den größten Nutzen stiften. Das ist nichts anderes als die klassische Kundenorientierung. Dabei geht es nicht darum, die Meinung seiner Lesern zu erforschen und dann nach dieser zu schreiben, sondern weiterhin qualitativ hochwertige Inhalte zu produzieren, diese aber an den vorherrschenden Anwendungskontexten der Leserschaft auszurichten.

Ohne Netzwerk keine Experten: Social Media ist essenziell

Um ein Experte in seinem Fachgebiet zu sein, ist heutzutage eine gute Vernetzung Voraussetzung. Diese findet nicht mehr nur über persönlichen Austausch auf Konferenzen oder am Telefon statt, sondern über Blogs, Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Je besser die Vernetzung und auch Sichtbarkeit in Social Media ist, desto mehr Informationen fließen. Und das Gute ist, dass der Informationsfluss keinen Einbahnstraße ist: Wenn die Experten etwas zu sagen haben, finden sie Gehör und ihre Botschaften verbreiten sich schnell und weit. So lassen sich nicht nur Informationen finden, sondern auch Inhalte bekannt machen.

Fazit: Die Verlage stehen vor einem einschneidenden Um- und Aufbruch

Diese Überschrift könnte auch für den Übergang vom reinen Print- zum hybriden Print/Online-Zeitalter gelten. Meiner Meinung ist die Veränderung jetzt aber grundlegender, weil sie die Verlage zur Änderung ihrer Ausrichtung und Arbeitsweise zwingt. Während die Erfolgskriterien für Print- und Online-Inhalte sich noch fast gleichen, werden sie für mobilen Content deutlich ausgeweitet. Die Organisation und Prozesse innerhalb der Verlage werden sich neu ausrichten müssen. Es wird spannend, welchen Verlagen das als erstes und am erfolgreichsten gelingt.

Co-Founder für Startup in der Medienbranche gesucht

Neben meinen normalen Projekten und Workshops begleite ich zurzeit ein Unternehmen, welches mir besonders am Herzen liegt: Ein sehr spannendes Startup, welches an einer neuen Form von Nachrichten im Web und auf mobilen Geräten arbeitet. Dafür hat sich ein erfahrenes Team zusammengefunden, welches an einigen Stellen von Spezialisten unterstützt wird – so auch durch mich. Das Gründerteam braucht nun Verstärkung für die Bereiche Online Marketing, strategische Partnerschaften, Produktmanagement und Werbepartner. Der Sitz des Startups ist Düsseldorf.

Erfahrung gewünscht

Wer bereits Berufserfahrung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Kommunikationswissenschaften, Management, Marketing oder Medienwissenschaften gesammelt hat und sich einer extrem spannenden Aufgabe stellen möchte, der sollte sich die Aufgabenbeschreibung durchlesen und einfach Kontakt zu Martin Kütter unter jobs@adetra.de aufnehmen.

Die Aufgaben

  • Zentrale Verstärkung des Gründerteams
  • Verantwortung für die Bereiche Produkt Management und Werbepartner
  • Positionierung und kontinuierliche Entwicklung unseres Angebots
  • Generierung hoher Werbeumsätze
  • Markt- und Wettbewerbsanalysen

Das Anforderungsprofil

  • Unternehmerische Leidenschaft, Kommunikationsstärke und Risikobereitschaft
  • Gute Kontakte in die Medienwelt und Mitbringen eines belastbaren Netzwerks
  • Intensive Erfahrung in den Bereichen Internet und neue Medien
  • Herausragende Kenntnisse im Produkt Management
  • Fähigkeit zum eigenständigen und zielorientierten Arbeiten
  • Offenheit, ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und Biss
  • Studium der Wirtschafts- oder Kommunikationswissenschaften

Das Angebot

  • Die Möglichkeit, einen Startup als Co-Founder maßgeblich mitzuentwickeln und an der Entwicklung zu partizipieren
  • Spass am Aufbau eines neuen Unternehmens und an der gemeinsamen Gründungsarbeit, auch in schwierigen Zeiten

Das Unternehmen

Wir sind ein schlagkräftiges Team von erfahrenen Internet- und Medienunternehmern. Wir launchen in den kommenden Wochen ein neuartiges Nachrichtenangebot im Internet, das von den wichtigsten Trends der Medienindustrie profitieren wird (Personalisierung, Dynamik bei Smartphones & Tablets, Crowd Sourcing). Unsere Kunden erhalten ein individuelles Nachrichtenprodukt mit einem sehr hohen Convenience-Faktor. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Angebot einmalig ist.

Kontakt

Adetra GmbH
Goswin-Peter-Gath-Strasse 8
50825 Köln
Martin Kütter
E-Mail: jobs@adetra.de

Die Anzeige ist auch bei unicum.de im Original zu finden.

Apples nächster genialer Schachzug

In den letzten Tagen ging eine Meldung rum, die meiner Meinung nach in die Kategorie „kleine Ursache, große Wirkung fällt“ und die erstaunlich wenig Wiederhall fand: Apple prüft die SIM-Integration ins iPhone.

Ich muss zugeben, dass diese Nachricht zunächst nicht so sonderlich spannend klingt, auch ich habe die Meldung zunächst unter der Rubrik „eine weitere Funktionserweiterung für das iPhone“ abgelegt. Am Wochenende habe ich mir nun aber noch einmal in Ruhe den Artikel von Dušan Živadinovic in der c’t 24/2010 durchgelesen. Erst da ist mir die Tragweite der Entwicklung bewusst geworden: Apple revolutioniert (mal wieder) eine Branche – diesmal die der Telekommunikationsanbieter.This is the icing on the cake

Was ist passiert?

Laut Berichten prüft Apple derzeit, die SIM-Karte in zukünftige Versionen des iPhones zu integrieren. Das hat zur Folge, dass die Aktivierung und Provisionierung des Telefons (also die Einstellung mit den Daten des Service Providers) komplett über iTunes abgewickelt werden können. Das umständliche und zeitaufwändige Verschicken der SIM-Karte entfällt.

Das klingt zunächst danach, dass die Prozedur des Freischaltens für den Smartphone-Nutzer deutlich einfacher wird – kein Papierkram mehr, kein Warten auf die SIM-Karte – einfach iPhone über iTunes aktivieren, Provider auswählen und los geht’s. Das wird sicherlich auch so sein, aber ich bezweifle, dass Apple den nicht unerheblichen Aufwand, der mit dieser Technologie einhergeht, nur für den vergleichsweise kleinen Sprung in der Benutzerfreundlichkeit treibt. Der Punkt ist ein anderer:

Apple entkoppelt die Nutzer von den Service Providern.

Die Carrier bekommen nur noch die Daten der Kunden, welche sie für die Zuordnung von Handy und Rufnummer brauchen. Den kompletten Rest (Verwaltung und Abrechnung) übernimmt Apple mit iTunes. Ein Abrechnungsprozess besteht ja bereits durch die Medien- und App-Käufe, zudem haben 180 Millionen Nutzer bereits ihre Kreditkartendaten bei iTunes hinterlegt. Das hat weitreichende Folgen, eröffnet es doch Apple völlig neue Möglichkeiten.

Apple bestimmt die Mobilfunk-Tarife

Dušan Živadinovic verweist seinem oben bereits erwähnten Artikel auf ein Patent, welches Apple bereits 2006 angemeldet hat und das eine „Dynamic Carrier Selection“ beschreibt. Damit können Nutzer abhängig von Ort und Zeit den jeweils günstigsten Anbieter wählen. Das ist sicher eine Möglichkeit – ich kann mir aber folgendes, weitergehendes Szenario vorstellen: Apple kauft sich Übertragungsleistung der Carrier, also quasi riesige Minutenpakete, zu günstige Konditionen ein. Dadurch dass die Abrechnung von Apple übernommen wird, können die Carrier sicher preisgünstig anbieten. Mit der eingekauften Kapazität im Rücken kann Apple nun eigene Tarife anbieten: Die Nutzer schließen einen Vertrag mit Apple, rechnen über iTunes ab und Apple setzt im Hintergrund seine gekauften Kontingente gewinnmaximierend ein. Die Nutzer erfahren nicht, mit welchem Carrier sie gerade telefonieren, die Carrier wissen nicht mehr, wer genau ihre Netze eigentlich nutzt – sie erhalten nur eine kumulierte Aufstellung von Apple. Bei den Apple-üblichen Größenordnungen dürfte sich dieses Geschäftsmodell sehr gut rechnen. Aber es geht noch weiter:

Apple bringt iData

Will man heute sein iPad unterwegs über Mobilfunk nutzen, so muss man dafür einen eigenen Vertrag mit separater SIM-Karte und Telefonnummer schließen. Das ist eigentlich völlig übertriebener Aufwand, denn man braucht ja nur eine Datenverbindung, es ruft ja keiner das iPad an (und wenn doch, dann über Facetime – also VoIP). Apple könnte also reine Datentarife anbieten, die aufgrund des geringeren Aufwands bei Verwaltung und des Verzichts auf Sprachverbindungen deutlich günstiger sein düften als bisher. Und so kann Apple eine geräteübergreifende Flatrate anbieten, bei der jegliche Nutzung der iPhones, iPads und Macs eines Nutzers über das gleiche iTunes-Konto zusammengefasst werden. iData sozusagen. Äußerst praktisch – aber es geht noch weiter:

Apple wird Payment-Provider

Heute sind Apple-Geräte über das iTunes-Konto mit dem Nutzer verknüpft. Damit können alle Käufe, die innerhalb iTunes getätigt werden, abgerechnet werden – nicht aber Käufe außerhalb des Apple-Shops. Die SIM-Integration ermöglicht Apple jetzt den nächsten entscheidenden Schritt: Wenn Anwendungen von Dritten (z.B. Webshops) durch die Abfrage des Soft-SIMs eine eindeutige Authentifizierung des Nutzers durchführen können, lässt sich die Bezahlung von Käufen auch über iTunes abwickeln. Soll heißen: Alles, was man über sein iPad oder iPhone kauft, kann man sehr einfach und bequem über iTunes bezahlen. Keine Eingabe von Namen, Adresse und Kreditkartennummern mehr, eine einfache Bestätigung der Verknüpfung mit dem eigenen iTunes-Konto reicht aus. Und das funktioniert sogar für das bislang noch nicht gelöste Problem der Bezahlung kleinster Beträge, dem Micropayment. Apple wird sich diese neue Dienstleistung sicher gut bezahlen lassen.

Die nächste Revolution

Wenn das mal nicht ein genialer Schachzug von Apple ist. Es steht noch die Frage aus, ob die Telekom-Carrier sehenden Auges bei diesem Spiel, welches sie noch weiter von den Kunden entfernt, mitmachen werden. Ich bin mir aber sicher, dass es bei Apples Marktmacht immer einen Anbieter geben wird, der die Verbindung mit Steve Jobs‘ Marketingmaschine eingeht. Und die anderen werden dann folgen müssen. Damit hat Apple nach iTunes und dem App-Store die nächste Revolution auf den Weg gebracht. Chapeau, Herr Jobs!

The Soft Factors of Social Media – featured by SlideShare

Ich habe mich sehr gefreut, als ich heute die Nachricht erhielt, dass meine Präsentation „The Soft Factors of Social Media Strategy“ (unschwer zu erkennen die englische Übersetzung der im vorherigen Post vorgestellten Folien) von den SlideShare-Redakteuren dazu auserwählt wurde, auf der SlideShare-Homepage „gefeatured“ zu werden. Sie steht also gerade jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, zusammen mit einigen anderen Präsentationen auf der Hauptseite des großen Präsentationsportals. Ich habe keine Ahnung, wie die Auswahl zustande gekommen ist, aber ich freue mich jetzt einfach mal.

 

Die weichen Faktoren der Social Media Strategie

Bei meinen Workshops zu Social Media geht es häufig darum, ein langfristiges Konzept oder eine Strategie für ein Unternehmen zu entwerfen. Dabei stelle ich dann ein Vorgehensmodell vor, welches unter anderem folgende Punkte enthält:

  • Zieldefinition
  • Zielgruppenanalyse
  • Festlegen der Inhalte
  • Vermarktung
  • Verantwortlichkeiten/KPIs/Budget

Das sind alles harte Faktoren, welche für eine fundierte Strategie berücksichtigt werden sollten. Nur so kann man einigermaßen sicherstellen, dass ein Engagement in Social Media nicht an den klassischen Hindernissen wie fehlenden Ressourcen, unpassenden Inhalten oder der Verwirrung der Zielgruppe scheitert.

Die Notwendigkeit der Beschäftigung mit den rationalen Kriterien wird in der Regel ohne weiteres eingesehen. Schnell kommt dann aber die Frage auf, wie diese denn umzusetzen sind. Und da wird es nun etwas schwieriger, soll heißen weniger berechenbar. Denn der Erfolg einer Social Media Strategie hängt letztlich nicht nur davon ab, was man macht, sondern auch wie.

Social Media ist in erster Linie sozial – das heißt, es kommunizieren Menschen miteinander. Und diese überlegen nicht lange und wägen alle Kriterien sorgsam gegeneinander ab, um etwas gut zu finden oder nicht. Sie entscheiden spontan und nach Gefühl. Daher muss erfolgreiches Social Media immer seine Leser auf der emotionalen Seite ansprechen. Nicht in jedem Tweet, Update oder Blogeintrag – aber im Grundsatz. Darum funktionieren auch weitergeleitete Pressemeldungen oder reine RSS-zu-Twitter Dienste niemals.

Als Anregung, welche weichen Faktoren man bei der Erstellung einer Social Media Strategie berücksichtigen kann, habe ich fünf kleine Ratschäge in eine Präsentation gepackt und diese auf Slideshare hochgeladen. Wer die Folien direkt herunterladen möchte, kann dies auch hier tun: „Die weichen Faktoren der Social Media Strategie“ (PDF, 2,7 MB). Viel Spaß bei der Lektüre.

Google StreetView – Das Problem sind nicht die Fotos.

Die Diskussion über Google Street View geht ja mittlerweile schon ein paar Tage, die Argumente sind mittlerweile wiederholt ausgetauscht worden. Den StreetView-Gengern hält die Netzgemeinde der digital natives nicht überraschend vor, dass diese das Prinzip der „digitalen Öffentlichkeit“ nicht verstehen (Sascha Lobo), es in anderen Ländern schon lange StreetView gibt und dort keine Zunahme der Einbrüche verzeichnet wird (meedia.de) oder dass das Abfotografieren von Häuserfassaden nun wirklich keine Privatsphäre verletze (so ziemlich alle).

Diese Argumente greifen meiner Meinung nach zu kurz.

Ich sehe ebenfalls kein Problem in der Tatsache, dass nun ein paar Häuser noch detaillierter im Web zu sehen sind (das gibt’s mit der 3D-Ansicht bei Bing ja auch schon eine ganze Weile). Für mich ist das wirklich Beunruhigende die zunehmende Verknüpfung von an sich unkritischen Daten zu sehr aussagekräftigen Massendatensammlungen und die Intransparenz und fehlende Kontrolle bei der Nutzung derselben. Nicht erst seit gestern werden Adressdaten, demografische Statistiken und Verhaltensdaten (z.B. durch Zahlungsausfälle oder Betrug bei Versandbestellungen) zusammen mit den persönlichen Daten zum Scoring bei der Einschätzung der Kreditwürdigkeit genutzt (sehr ausführlich beschrieben in dieser Studie). Dadurch kann es vorkommen, dass ein eigentlich einwandfreier Antragsteller keine Kreditzusage erhält, weil er in der falschen Straße wohnt oder seine Nachbarn ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Durch die mangelnde Transparenz des Scoring-Algorithmus und der zu Grunde liegenden Daten ist es im Einzelfall fast unmöglich, das Zustandekommen des fatalen Scorings nachzuvollziehen, geschweige denn das Ergebnis zu ändern.

Google StreetView wird nun ein weiterer Baustein in diesem Puzzle sein. Und ich weiß nicht, ob das so gut ist. Wessen Vermieter bei der Fassadenrenovierung etwas im Rückstand ist oder das neue Grafitti erst nach der Vorbeifahrt des StreetView-Autos entfernt hat, der könnte bald ein Problem bekommen. Oder diejenigen, welche das heruntergekommende Haus liebevoll saniert oder abgerissen und neu aufgebaut haben – werden diese jetzt mit dem Kreditsachbearbeiter diskutieren, dass ihr Haus mit dem Foto im Web nichts mehr zu tun hat? Ich bin mir sicher, dass die StreetView-Bilder sehr bald von Dienstleistern ausgewertet und die daraus gewonnenen Daten verkauft werden: Dann dürften sich auch Anrufe bei Hausbesitzern häufen, ob sie nicht mal wieder ihr Haus streichen möchten oder ob ihre Einfahrt nicht eine neue Pflasterung gebrauchen könnte. Schöne neue digitale Welt.

Das Problem an StreetView ist also nicht, dass Bilder von Häusern nun öffentlich online zugänglich sind. Das Problem liegt darin, wie die darin enthaltenen Informationen als Massendaten ausgewertet, verknüpft und benutzt werden. Die Auswirkungen daraus gehen weit über eine wie auch immer definierte digitale Öffentlichkeit hinaus. Die große Herausforderung besteht darin, Regeln und Grenzen zu finden, wie solche Daten genutzt werden dürfen, ohne die unzweifelhaft positiven und innovativen Seiten von Google StreetView völlig auszubremsen.

Eine konstruktive Diskussion über dieses Thema – welches ja auch unter dem Stichwort Facebook relevant ist – ist überfällig. Ich hoffe, sie wird bald geführt, bevor populistische Entscheidungen ungewollte Fakten setzen.

Seite 3 von 612345...Letzte »