Das iPad, Googles Tablet und die Folgen für Verlage

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich ja zum Schluss gesagt, ich sei gespannt, was der nächste Schritt von Google als Reaktion auf die Vorstellung von Apples iPad ist. Nun gibt es die ersten Konzepte eines Tablet-PCs auf der Basis von Chrome, dem Google-Betriebssystem.

Google Tablet

Das Bedienkonzept wurde im Chromium-Blog veröffentlicht und zeigt, wie sich die Entwickler den Umgang mit einer Chrome-Tablet-Oberfläche vorstellen. Weitere Informationen zum Google-Tablet Entwurf hat auch das Basic Thinking Blog zusammengetragen.


Neben den technischen Aspekten der kommenden Geräte von Apple, Google & Co. sind die Folgen für den Markt der digitalen Inhalte extrem spannend. Die Pläne von Google zum Tablet sind ein weiterer Beleg, in welche Richtung sich die Nutzung des Webs und insbesondere der Umgang mit Inhalten entwickeln wird: Die neuen Endgeräte sind

  • mobil,
  • handlich,
  • einfach zu bedienen und
  • immer mit dem Web verbunden.

Genau deshalb werden sie ein Erfolg insbesondere bei der Zielgruppe, welcher derzeit noch die Technik zu umständlich ist. Die iPads und Tablets haben zum ersten Mal das Potenzial, die gedruckte Zeitung oder das Buch am Frühstückstisch oder auf dem Sofa abzulösen. Und zwar nicht nur aufgrund ihres tollen Designs, sondern weil man mit ihnen nicht nur Texte lesen kann, sondern nun wirklich die multimediale Zeitung in der Hand hält und mitnehmen kann – und nicht nur auf dem Bildschirm vor sich sieht. Ich prophezeie, dass alle Leser, die dieses Erlebnis einmal genossen haben, nicht mehr zur gedruckten Lektüre zurückkehren wollen. Das wird vielleicht nicht mit den ersten Versionen der Tablets passieren, früher oder später aber auf jeden Fall.

Die Folgen für die Verlage

Extrem spannend wird es jetzt für die Verlage, welche ihr Hauptgeschäft noch mit Print machen und für Online kein funktionierendes Geschäftsmodell haben – also für so ziemlich alle. Wenn sich die iPads durchsetzen, dann reicht vielen Lesern sicherlich statt der gedruckten Frühstückslektüre der Blick morgens auf werbefinanzierte Nachrichtenseiten wie Spiegel Online und das Print-Abo wird gekündigt.

Jetzt gilt es, so schnell wie möglich ein Geschäftsmodell zu finden, welches auf mindestens zwei Beinen steht:

  • Zum einen als App für die Apple-Welt aus iPad, iPhone, iTunes und iBook. Hier ist die Refinanzierung einfach: Sie erfolgt über Apples paid content Konzept.
  • Zum anderen als Webangebot, welches sich über Werbung oder als eigenes Abo-Angebot finanzert.

Beide Plattformen müssen parallel bedient werden, um auf ausreichend Leser zu kommen. Neben der technischen Herausforderung muss eine Lösung gefunden werden, die Angebote für zahlende Abonnenten ausreichend von den freien, werbefinanzierten Seiten abzuheben und zu differenzieren. Aber genau das ist ja jetzt schon das Problem, zumal die Konkurrenz für die Verlage zunimmt. Jetzt sind also kreative Lösungen unter noch mehr Zeitdruck gefragt.

Das Web vereint das Beste aus Print und TV

Erfolgreiche Angebote werden in Zukunft noch mehr als jetzt aus der Kombination von Texten, Videos, Kommentaren und interaktiven Elementen bestehen. Um das zu realisieren, muss man kein Verlag sein. Beste Ausgangspositionen haben TV-Sender, welche die Inhalte sowieso vorhalten und mit Nachrichtenseiten auch ihr Programm promoten. Die Seite von RTL geht schon in diese Richtung.

Googles Chief Economist Hal Varian hat noch auf einen anderen Aspekt hingewiesen:

„The verticals that drive traffic are things like sports, weather and current news, but the money is in things like travel and shopping. Pure news is the unique product that newspapers provide, but it is very hard to monetize.“

Das bedeutet, dass die Verlage sich von reinen Nachrichten-Dienstleistern zu Vermittlern von umsatzstarken Leistungen anderer Branchen entwickeln müssen. Das dürfte ziemlich am journalistischen Selbstverständnis kratzen – zu Recht. Es gilt daher, einen neuen Weg zu finden, der journalistische Unabhängigkeit und Qualität mit der Vermarktung inhaltlich verbundener Dienstleistungen verbindet. Nur das dürfte langfristig das Überleben der Verlage sichern.

iPad und NexusOne: Apple und Google sind sich einig über die Zukunft des Webs

Gestern stellte Steve Jobs das langersehnte und schon im Vorfeld mächtig gehypte iPad vor. Die Bewertungen bisher sind unterschiedlich, einige sind enttäuscht ob der fehlenden Features (eine Übersicht bei derStandard.at), andere bemängelten die ausbleibende Lösung der Probleme der Verleger bei der digitalen Vermarktung ihres Contents (so z.B. Carta), und die Apple-Jünger finden das Gerät wie erwartet genial (siehe die Kommentare bei Apfeltalk).

Ich halte es mit der Einschätzung wie Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache): Das iPad ist ein klasse Gadget, welches die Nutzung des Webs und digitaler Inhalte viel besser in das tägliche Leben integriert, als es PC, Notebook oder Netbook tun. Und es ist (wie so ziemlich alles von Apple) cool. Allein deshalb wird sich das iPad durchsetzen. Dass Apple dieses mal nicht das Internet revolutioniert hat – was soll’s. Nach iPod/iTunes und iPhone/AppStore war die Kombination iPad/iBook irgendwie zu erwarten. Man kann ja auch nicht alle naselang das Web neu erfinden.

Apple und Google im Gleichklang

Was ich am Launch des iPad noch spannender als die Diskussion um Functions & Features finde, ist die konsequente Umsetzung der dahinterliegenden Apple-Strategie – und die Übereinstimmung mit den Ansichten von Google. Amir Kassaei hat Apples Vision treffend mit „Digital Lifestyle Strategy“ bezeichnet. Ihre Kurzform: Apple will die Nutzung der digitaler Infrastruktur allen Menschen – nicht nur den technik-affinen – ermöglichen und schneidet daher Endgeräte, Software, Prozesse und Design äußerst konsequent auf dieses Ziel zu. Das Ergebnis sind schlanke iPods/Phones/Pads, die sich extrem einfach bedienen lassen und zudem sehr eng mit dem Web verbunden sind.

Der Erfolg bestätigt Apple in der Richtigkeit seiner Strategie. Und Google steuert in die gleiche Richtung. Mit Chrome als Browser und Betriebssystem, Android als Mobilplattform und dem NexusOne als erstes eigenes Endgerät verfolgt der Suchmaschinengigant ebenfalls das Ideal des schlanken, auf Webdienste ausgerichteten Dienstes. Und wie auch in der hervorragenden Analyse von Christoph Kappes sehr stringent hergeleitet zu lesen ist, versucht Google damit die gesamte Wertschöpfungskette von den Inhalten bis zum Endnutzer unter Kontrolle zu halten – genau wie Apple. Der Unterschied ist nur, dass Apple am Inhalteverkauf direkt verdient, Google hingegen „nur“ an der Schaltung von Werbung parallel zur Nutzung der Inhalte. Daher kann Google auch kein Interesse haben, dass sich ein geschlossenes System wie das von Apple durchsetzt.

In diesem Punkt unterscheiden sich die beiden Großen dann doch. Ich bin gespannt, was der nächste Schritt von Google ist.

Meinung, Moderation, Kompetenz: Wie Verlage gegen Google bestehen können.

Zwischen Journalisten, Verlegern und Web-Experten brandet die Diskussion um tragfähige Geschäftsmodelle für Inhalte im Web immer höher. Während die einen Inhalte-Aggregatoren wie Google und die verbreitete Kostenlos-Mentalität für die Erfolglosigkeit der bisherigen Versuche verantwortlich machen, verweisen die anderen auf einzelne durchaus erfolgreiche Beispiele und fordern auf, mehr Kreativität bei der Erfindung neuer Geschäftsmodelle an den Tag zu legen. Beide Seiten haben von ihrem Standpunkt aus gewiss recht, wenn sie auf die aktuellen Schwierigkeiten bei der Monetarisierung von Inhalten hinweisen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass viele Diskutanten mittlerweile der Meinung sind, mit dem richtigen Geschäftsmodell habe sich das Problem erledigt und die Migration von Print zu Online sei erfolgreich abgeschlossen. Das wäre allerdings so, als würde man bei Opel denken, mit einer neuen Organisation würden sich die gleichen Autos wie früher nun plötzlich wie geschnitten Brot verkaufen.

Die besten Geschäftsmodelle nutzen nichts, wenn die Inhalte nicht die Leser so überzeugen, dass sie dafür zahlen würden. Mit welchen Geschäftsmodell auch immer. Die entscheidende Frage ist also: Wofür sind Leser bereit, zu zahlen? Die Antwort ist, allgemein gesagt: Für ein Angebot, welches ihre Bedürfnisse genau befriedigt und welches nirgendwo anders gar nicht oder nicht zu dem Preis zu bekommen wäre.

Also kurz gesagt Nutzen, Preis und Alleinstellung. Wenn man sich diese drei Punkte genauer anschaut, kristallisiert sich schnell ein Hauptproblem heraus: Die Bedürfnisse einer Zielgruppe zu treffen ist mit einer vernünftigen Produktentwicklung kein Problem, und viele Angebote werden ja auch von den Nutzern sehr positiv bewertet. Auch die Preisfestlegung stellt keine unüberwindliche Hürde dar. Somit bleibt die eine große Herausforderung: Wie kann ich mein Angebot von dem der Konkurrent differenzieren und mich so von anderen absetzen?

Meiner Meinung nach ist das ein Dreiklang aus Kompetenz, Meinung und Moderation:

Kompetenz.

Wer über eine Sache berichtet, sollte Ahnung davon haben. Sonst vertreibt man diejenigen, welche es besser wissen zu Spezialistenangeboten und kann allen anderen das Thema nicht erklären, sodass diese ebenfalls das Interesse verlieren. Nun ist es leicht, mehr Kompetenz zu fordern – aber Kompetenz kostet Geld, und das ist in der Regel nicht unendlich vorhanden. Die Lösung ist, sich zu fokussieren. Eine lokale Zeitung kann beispielsweise in der Regel mit der Berichterstattung von überregionalen Blättern über bundespolitische Themen nicht mithalten und dieser Rückstand ist auch nur schwerlich aufzuholen. Jeder Euro, der in den Ausbau dieses Themengebietes gesteckt werden würde, würde ohne Wirkung auf mögliche neue Leser verpuffen. Im Gegenzug muss die lokale Berichterstattung das Zugpferd regionaler Blätter sein: Hier liegen die Stärken, hier kann ein deutliches Alleinstellungsmerkmal insbesondere gegenüber der großen überregionalen Konkurrenz geschaffen werden.
In diesem Sinne sollte sich jeder Inhalteproduzent überlegen, welche Stärken er zu einem echten Alleinstellungsmerkmal ausbauen kann und bei welchen Themen er besser den Aufwand reduziert und eventuell mit anderen, dort besser postierten Anbietern kooperiert.

Meinung.

Wer nur Nachrichten als reine Information über das Weltgeschehen sieht, ist mit den Meldungen der Nachrichtenagenturen bestens bedient. Diese findet man in fast allen Nachrichtenquellen und damit auch vielfach in Google News aggregiert. Wie schon früher dargelegt ist es für Inhalteproduzenten daher ein vergebliches Unterfangen, sich mit der Produktion von reinen Nachrichten von der Konkurrenz unterscheiden zu wollen – es sei denn, man hat Exklusivität. Aber diese ist in den seltensten Fällen langfristig aufrecht zu erhalten, sodass sich kein nachhaltiges Geschäftsmodell darauf aufbauen lässt.

Wenn sich mit der Produktion von reinen Nachrichten kein Vorsprung erzielen lässt, womit dann? Mit einer Konzentration auf die Tugenden der redaktionellen Arbeit: die bewusste Auswahl, Zusammenstellung, Einordnung und Kommentierung von Nachrichten. Und dazu bedarf es neben einer guten Kenntnis des Themas insbesondere eines eigenen Standpunktes, an der sich die Arbeit mit Nachrichten orientiert. Ich meine damit nicht, dass die Berichterstattung nur dazu dienen soll, die eigene Meinung zu unterstützen und alle anderen Sichtweisen auszublenden. Mir geht es um die Einnahme eines Standpunkts, die transparente Darlegung dieser Tatsache und die Kommentierung anhand einer Leitlinie. Das ist dann eine subjektiv Sicht, aber sie ist bewusst und transparent subjektiv. Wer unbedingte Objektivität fordert, sollte sich ein wenig mit Wissenschafts- und Erkenntnistheorie befassen. Dann wird schnell klar, dass es die reine neutrale Objektivität nie geben kann – jede Ausage eines Subjekts ist subjektiv. Da ist es ehrlicher, eine Subjektivität auch als solche zu kennzeichnen.

Die Einnahme es Standpunkts ist nun, was die automatische Aggregation von Inhalten nie sein kann: Eine Unterscheidung von anderen, eine Herausstellung des eigenen Tuns (aus Marketing-Sicht eine unique selling proposition (USP)). Also genau das, was Leser oder Nutzer an das eigene Angebot bindet.

Moderation.

Es ist schwer, kompetent auf allen Feldern der Berichterstattung zu sein. Das ist aber auch nicht dramatisch, solange man nicht vorgibt, genau dies zu sein. Denn auch außerhalb von Redaktionen ist viel Wissen in den Köpfen der Leser versammelt, und diese haben mit dem Web 2.0 nun auch die Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen.

Eine gute Redaktion z.B. einer Zeitung bindet daher die Leser mit ein und moderiert die Diskussionen zu den Themen. Die Beiträge von Lesern können manchmal wichtiger und interessanter für andere Leser sein als der Ausgangsartikel selbst. Solange die Diskussionen auf den Webseiten der Zeitung stattfinden, wird dies als Erweiterung des Angebots wahrgenommen und wertgeschätzt. Und wenn sich Leser erst einmal in einem Diskussionsforum eine Reputation aufgebaut haben, wollen sie diese so schnell nicht wieder aufgeben. Eine nachhaltige Leserbindung ist die Folge.

Fazit

Übrigens werden die Kriterien Kompetenz, Meinung und Moderation bereits von einer Gruppe von elektronischen Publikationen erfüllt: von den erfolgreichen Blogs. Schon bei einer kurzen Analyse sieht man, dass die Blogs sich meistens auf ein Thema beschränken, sich die Blogger dort sehr gut auskennen, ihre Meinung deutlich kundtun und die Diskussionen nach den Artikeln teilweise auf sehr hohem Niveau geführt und moderiert werden. Der Dreiklang Kompetenz, Meinung und Moderation funktionert also, jetzt muss noch das richtige Geschäftsmodell gefunden werden. Und dafür gibt es ja viele Vordenker…

Die Zukunft der sozialen Netzwerke: Kontrolle und Einzigartigkeit

In letzter Zeit liest man vermehrt Artikel über die kaum zu bewältigende Informationsflut, welche durch die Nutzung von sozialen Netzwerken auf deren Nutzer hereinbricht. Viel diskutiert wurde insbesondere der Artikel von Frank Schirrmacher im Spiegel und die Entgegnung von Chris Stöcker bei SpOn.

Auch wenn ich mit der Schlussfolgerung Schirrmachers – Computer sind Teufelswerk – nicht übereinstimme, so ist die zunehmende Informationsflut durch die Nachrichten verbundener Nutzer in den Netzwerken nicht von der Hand zu weisen. Wenn man sich in mehreren Netzwerken bewegt und einige Kontakte geknüpft hat, würde das Verfolgen und Beantworten von Meldungen tatsächlich so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass für andere Beschäftigungen kein Platz mehr ist. Früher oder später bleibt den Nutzern nichts anderes übrig, als die Zeit in sozialen Netzwerken zu verringern. Damit partizipieren sie aber nicht mehr an einem großen Vorteil der Netzwerke: der schnellen Verbreitung von Neuigkeiten. Das muss nicht, kann aber dazu führen, dass Nutzer sich von den Netzwerken abwenden. Und damit setzt so etwas wie ein negativer Netzwerkeffekt ein: Weniger Nutzer bedeuten weniger Nutzen für alle, was zum Abspringen weiterer Nutzer führt usw. usf.

Was kann aber nun diese Entwicklung aufhalten? Ich bin der Meinung, dass zwei grundlegende Vorteile von sozialen Netzwerken nicht verloren gehen dürfen: Soziale Netzwerke müssen ihren Nutzern weiterhin die volle Kontrolle über die eingehenden Informationen überlassen, und sie dürfen durch die zunehmende automatisierte Vernetzung untereinander ihre Einzigartigkeit nicht aufs Spiel setzen.

Der Nutzer ist König – aber welcher Nutzer eigentlich?

Jeder Nutzer von sozialen Netzwerken hat zwei Seiten: Er sendet Machrichten und er empfängt welche. Der große Vorteil von den bestehenden Netzwerken ist, dass im Gegensatz zur E-Mail die Nutzer die volle Kontrolle haben, wieviel und welche Nachrichten sie bekommen. Von Freundschafts- oder Kontaktanfragen einmal abgesehen, dürfen nur verbundene andere Nutzer Nachrichten schicken. Über die Auswahl und Anzahl dieser Freunde entscheidet der Nutzer, mit welchen und wie vielen Informationen er behelligt wird. Wird es ihm zuviel, kann er durch Reduktion seiner Verbindungen den Informationsstrom verringern. Kurz: Der Nutzer hat die Kontrolle.

Das Problem ist aber nun, dass die Aktivitäten der Netzwerke eher darauf ausgelegt sind, nicht den empfangenden, sondern den sendenden Nutzer zu stärken. Es wird immer leichter gemacht, Nachrichten gleichzeitig in mehreren Netzwerken zu veröffentlichen – und das vollautomatisch: So werden bei entsprechender Einstellung Tweets aus Twitter direkt in LinkedIn gepostet, Facebook und Twitter verknüpft oder bald auch Statusmeldungen zwischen Xing und Twitter ausgetauscht. Hinzu kommen noch die Ergänzungen (aktuell z.B. formspring.me) oder die unsäglichen Spielstandsbenachrichtigungen à la Mafia Wars & Co. Das Ergebnis: Das Rauschen der unnützen Nachrichten nimmt zu, immer mehr Zeit muss zum Herausfischen der relevanten Meldungen aus dem Nachrichtenstrom verwendet werden. Irgendwann ist das Verhältnis Aufwand zu Nutzen nicht mehr attraktiv, und die Nutzer schalten ab.

Was muss passieren, damit sich die sozialen Netzwerke mit diesem Informations-Overkill nicht selbst die eigene Grundlage verstören? Die Antwort ist einfach: Gebt den Nutzern die volle Kontrolle nicht nur über die Informationen über sich selbst, sondern auch über die eingehenden Nachrichten! Wieso kann ich bei Twitter nicht einstellen, dass ich Tweets mit bestimmten Hashtags nicht angezeigt bekomme? Oder warum kann ich nicht bei Tweets von mir wichtigen Twitterern per Meldung oder Ton benachrichtigt werden? Warum lassen sich Updates bei Facebook, die ich eh schon über Twitter gesehen habe (oder vice versa), ausblenden? Alle diese – und noch viele weitere – Maßnahmen würden sehr helfen, bei der täglichen Informationsflut die Spreu vom Weizen zu trennen. Einiges wird bereits von Client-Software bereitgestellt. Die Entwickler der Netzwerke sollten sich hier etwas abgucken.

Das Gleiche gilt übrigens für die Speicherung der Nachrichten. Will ein Netzwerk nachhaltig existieren, dann dürfen Nachrichten nicht nach wenigen Tagen verschwinden – wie zurzeit bei Twitter. Wie bei der E-Mail sollte es möglich sein, zumindest seine eigenen und ausgewählte andere Tweets abzuspeichern und später wieder darauf zuzugreifen.

Jedes Netzwerk ist einzigartig – noch.

Wenn ich die Netzwerke betrachte, in denen ich mich aufhalten, so hat jedes seinen spezifischen Charakter: Xing ist business-orientiert, LinkedIn überwiegend international, Facebook mehr privat und Twitter von allem etwas und insbesondere auf den schnellen Austausch ausgerichtet. Ich finde das gut so, denn so kann ich in jedem Netzwerk mich angemessen verhalten. Einige Nachrichten, die ich über Twitter schicke, würde ich nicht bei Xing veröffentlichen, und die Business-Attitüde von Xing passt nicht immer zu Facebook. Das Problem ist aber nun, dass anscheinend die führenden Köpfe der Netzwerke es sich in dieselben gesetzt haben, alle Netzwerke miteinander zu vernetzen. So kann ich automatisch meine Tweets in LinkedIn anzeigen lassen, ebenso bei Facebook und die Anbindung bei Xing steht auch schon vor der Tür. Das soll mir als Nutzer Arbeit abnehmen – ich befürchte aber, dass diese Arbeitserleichterung auf die Kosten meines Netzwerks geht. So können meine meist englischsprachigen Kontakte bei LinkedIn mit den deutschen Tweets wenig anfangen. Wenn ich nun auf englisch twittern würde, bräche wahrscheinlich Verwirrung bei meinen überwiegend deutschen Followern aus. Ergebnis: Unzufriedenheit bei allen Beteiligten.

Eines der Grundgesetze des Marketings lautet „sei einzigartig“. Ich befürchte, Twitter, Facebook & Co. verspielen gerade mit dem Alles-mit-Allem-verbinden ihre Unverwechselbarkeit. Die Erfahrung zeigt, dass bei solchen Entwicklungen am Ende immer die Großen übrig bleiben. Das wäre äußerst schade um die im Vergleich zu Facebook und LinkedIn kleinen Netze Twitter und Xing.

Noch ist genug Zeit, um den aufgezeigten Bedrohungen für die sozialen Netzwerke zu begegnen. Ich bin gespannt, ob das passiert und welche Entwicklung einsetzen wird. Vielleicht gelingt es ja auch, der Generation Schirrmacher noch den Spaß am sozialen Netzwerken zu vermitteln. Das würde mich freuen.

Twitter schwächelt? Oder: Detailwissen schadet nur.

In den letzten Tagen wurde von u.a. von Spiegel Online und Meedia von einer Nielsen-Studie berichtet, in der Twitter ein Besucherrückgang im September von 27,8% nachgesagt wurde. Gemessen wurden 18,9 Millionen unique visitors auf twitter.com im Vergleich zu 26,2 Millionen im Vormonat (siehe eMarketer). Auch wenn man sich die Alexa-Zahlen anschaut, kann man auf die Idee kommen, dass Twitter schwächelt:

Alexa-Auswertung von Twitter.com


Während in den oben genannten Artikeln zwar im weiteren Verlauf darauf hingewiesen wurde, dass sinkente Nutzerzahlen (wobei es eigentlich um Besucher geht) eventuell auf die stark steigende Nutzung von Client-Software wie z.B. Tweetdeck oder Seesmic zurückzuführen sind, reichte es doch für zugkräftige Überschriften, welche den Ton setzten. Andere griffen das Thema gerne auf, waren aber weniger detailliert und somit unkritisch kritisch (z.B. „Ist Twitter out?“ auf wiwo.de). Glücklicherweise gibt mit Stefan Niggemeier und seinem Bildblog auch Stimmen, welche die Meldungen einordnen können.

Dabei ist es gar nicht so schwer, sich eine eigene Meinung zu verschaffen. So ist die Statistik von TweetStats mit zwei Klicks erreichbar. Sie sagt aus, dass nur 31,2% der Tweets über das Web abgesetzt werden. Der überwiegende Teil aus anderen Programmen – mobil oder vom PC – geschrieben. Die Auswertungen von Thomas Pfeiffer bestätigen dies.

Das heißt, dass die wenigsten aktiven Twitterer auf die Webseite zugreifen, um zu twittern (ich gehe mal davon aus, dass Nur-Leser keine Applikation installieren, um auf Twitter zuzugreifen). Somit sollte sich ein Rückgang der Besucher auf twitter.com dementsprechend wenig auf die Anzahl der abgesetzten Tweets auswirken. Da bei Twitter jeder Tweet mit einer eindeutigen Nummer veröffentlicht wird, kann man leicht das Wachstum der Tweets nachweisen. Und das sieht dann so aus:

Auswertung der Twitter-Tweets 2008-2009

Wie leicht zu erkennen ist, lässt sich ein Rückgang der Tweets nicht nachweisen. Twitter wächst – gemessen an den Tweets – insbesondere seit Mitte diesen Jahres enorm. Da mit der Popularisierung des Dienstes durch die Neunutzer die durchschnittliche Anzahl der Tweets pro Nutzer eher abnehmen als zunehmen dürfte, kann ich auch keinen dramatischen Rückgang der Nutzer herleiten.

Kurzum: Berichte über einen Twitter-Niedergang sind zwar Auflagen- oder Zugriffs-fördernd, lassen sich mit ein wenig Kenntnis des Systems einfach wiederlegen.

Update 03.12.2009: Der letzte Wert für den 01.12.2009 in der Wachtstums-Grafik ist jetzt nicht mehr geschätzt, sondern mit einer realen Zahl hinterlegt. Das ändert aber nichts an der Aussage. Web-Evangelist Thomas Pfeiffer kommt in seiner November-Auswertung übrigens zu einem Rückgang von 5% bei den aktiv deutschsprachigen Accounts. Das schlägt sich – bei der US-lastigkeit von Twitter – naturgemäß nicht auf die Gesamtzahl der Tweets nieder und dürfte sich mit lokalen Besonderheiten erklären lassen.

Für Einsteiger: Kleine Twitter-Kunde

Bei der Vorbereitung zum letzten Kunden-Workshop über Soziale Netzwerke grübelte ich darüber nach, in wie weit wohl die Teilnehmer mit den Begriffen aus der Twitter-Welt vertraut sind. Selbst benutzt man Tweets, Follower, Mentions usw. ja mittlerweile ganz selbstverständlich, allerdings zeigen einem die fragenden Gesichter bei Unterhaltungen im Freundeskreis schnell, dass die Twitter-Begriffswelt noch nicht jedem geläufig ist (was ja auch nicht tragisch ist).

Also habe ich mich hingesetzt und einmal kurz die wichtigsten Twitter-Begriffe knapp – und hoffentlich verständlich – erläutert. Für Twitter-Interessierte und Einsteiger enthält die Twitter-Kunde hoffentlich viel Erhellendes, bestehende Nutzer entdecken eventuell den einen oder anderen Fachbegriff, den sie auch noch nicht so genau verstanden haben. Die Auswahl der Begriffe ist völlig subjektiv und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Wer zusätzliche Begriffe zur Aufnahme vorschlagen möchte, schickt mir einfach eine E-Mail oder einen Tweet an @meistermeise.

So, und nun viel Spaß mit dem Werk. Einfach folgendes Bild anklicken und das PDF (ca. 1 MB) herunterladen.

Update 07.12.2009:
Die aktuelle Version der Twitterkunde befindet sich ab sofort unter
twitkunde.de
.

Update: Besten Dank an @Nordbergh und @Moehn für die ersten Hinweise. In der Version 1.10 sind jetzt folgende Begriffe beschrieben: Twitter, tweet, follow, friends, timeline, followers, direct messages, replies, retweets, mentions, favorites, delete, Linkverkürzer, search, Listen, hashtags, FollowFriday, TwitPic, avatar, bio, protected tweets, Britney, blocken, spam, bots, failwhale.

Update: Kleine Twitter-Kunde für Einsteiger

Über die vielen positiven Reaktionen zur kleinen Twitter-Kunde aus dem letzten Blog-Eintrag habe ich mich sehr gefreut. Ab und zu kamen auch Hinweise, wie Twitter am besten zu nutzen sei und ob ich diese Tipps nicht auch aufnehmen wolle. Die Antwort ist: Nicht hier. Die kleine Twitter-Kunde ist bewusst nur ein Leitfaden für die Twitter-Begriffswelt, keine Anleitung wie man besonders erfolgreich oder schlau twitttert. Das heißt aber nicht, dass ich vielleicht nicht noch so eine Anleitung schreiben werde… Wer mag, kann mir ja schon einmal seine Tipps verraten (per E-Mail oder an @meistermeise). Selbstverständlich werden die Tippgeber im veröffentlichten Dokument erwähnt.

So, in der aktuellen Version der kleinen Twitter-Kunde habe ich noch die Begriffe „unfollow“, „Fake“ und „Verified Account“ aufgenommen. Zum Herunterladen des PDFs (ca. 1,2 MB) bitte einfach das Bild anklicken.

Update 07.12.2009:
Die aktuelle Version der Twitterkunde befindet sich ab sofort unter
twitkunde.de
.

(Begriffe in der Version 1.21: Twitter, tweet, follow, friends, timeline, followers, direct messages, replies, retweets, mentions, favorites, delete, unfollow, Linkverkürzer, search, Listen, hashtags, FollowFriday, TwitPic, avatar, bio, protected tweets, fake, verified account, Britney, blocken, spam, bots, failwhale)

Jack Wolfskin: Die Twitter-Welle ebbt ab.

Über die Abmahnungen von Jack Wolfskin und deren Folgen ist ja schon viel geschrieben worden, auch von mir. Mittlerweile hat sich der Chef und Miteigentümer Manfred Hell bei Ralf Schwartz von werbeblogger.de gemeldet und versprochen, den Abmahnprozess und seine Verhältnismäßigkeit zu prüfen. Das will er tun, wenn er am kommenden Montag wieder im Büro ist. Angesichts der Welle, die gerade seine Firma überrollt, halte ich persönlich das für etwas spät, aber eine ruhige Hand bei geschäftlichen Entscheidungen hat ja manchmal etwas Positives.

Denn die Welle der Empörung, die sich auch über Twitter verbreitete, ebbt langsam ab.

Wenn man ein Thema sehr intensiv verfolgt, passiert es ja durchaus, dass man seine Gesamtwirkung weit überschätzt. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, die Verteilung der Tweets zum Thema Wolfskin über die letzten Tage hinweg zu analysieren. Ergebnis: Die Welle der Tweets hatte am Montag und Dienstag ihren Höhepunkt und scheint nun langsam auszulaufen. Während online also die Stimmung sich wieder etwas beruhigt (wenn auch noch nicht ruhig ist), greifen jetzt die Print-Medien das Thema auf. Das Handelsblatt machte den Anfang, und nun hat sogar die dpa dazu geschrieben (zu lesen z.B. bei der Zeit Online).

Wenn es dazu noch bedurft hätte: Das ist ein schöner (weiterer) Beleg dafür, wie durch die sozialen Netzwerke Trends und Themen in kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit erreichen, dass diese in der „realen Welt“ gro0e Auswirkungen – in diesem Fall negative – nach sich ziehen. Unternehmen (und vielleicht auch Rechtsanwaltskanzleien) sei daher empfohlen, sich rechtzeitig mit dem Thema Social Media vertraut zu machen. Bevor sie es im Crash-Kurs tun müssen…

(Update 23.10.2009: Anzahl der Tweets am 22.10. eingefügt. Es waren nur noch 228, was die These des Abflauens der Twitter-Welle belegt. Das heißt allerdings nicht, dass jetzt alles vorbei ist: Zum Einen gibt es mehr Twitter-Leser als Schreiber, was die Verbreitung des Themas erhöht (siehe dazu den Netzökonom), zum Anderen vergisst das Web nicht: Die vorhandenen Blogeinträge und Artikel werden von nun an immer bei der Suche nach Jack Wolfskin auftauchen. Es wird eine Weile dauern (und viel Geld kosten), bis der Imageschaden wieder repariert ist.)

(Zweites Update 23.10.2009: Jack Wolfskin hat nun eine Pressemitteilung (pdf) gerausgegeben, in der die Abmahnungen zurückgenommen werden. Mein erster Gedanke: Das hätte man auch schneller machen können und sich viel zerschlagenes Porzellan erspart. Der zweite: Oh, die Reaktionen darauf sind enttäuscht bis verärgert – siehe den Werbeblogger. Das Thema wird wohl noch etwas gären und bei der Zielgruppe einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Die nächsten JW-Werbekampagnen sollten gut überlegt sein, um nicht hämische Kommentare auf sich zu ziehen…)

Die Macht der sozialen Netzwerke: Update Jack Wolfskin Abmahnungen

Bei Diskussionen über den Fall Jack Wolfskin (siehe letztes Blogpost) höre ich häufig den Einwand, dass das Thema sicher eine große Welle in der Webgemeinde ist, es sich allerdings im realen Leben kaum für die Firma auswirken wird. Ruhig bleiben und Füße stillhalten sei für JW daher eine gute Strategie. Nun schauen wir doch mal, was sich seit meinem Artikel von gestern getan hat:

  • Die Google Suche nach „+Wolfskin +Abmahnung“ ergibt aktuell 29.100 Treffer für die letzte Woche, davon 1.330 in den letzten 24 Stunden.
  • Nach Spiegel Online haben sich mittlerweile die Web-Schwergewichte Focus und Zeit dem Thema angenommen.
  • In den Twitter-Feeds und in Blogs werden neben Äußerungen, keine JW-Produkte mehr zu kaufen, auch Boykott-Aufrufe laut.
  • Daneben machen sich viele lustig über die Marke und ihr Verhalten: Sogar auf DaWanda, der Plattform, auf der alles begonnen hat.
  • Mir besonders gut gefallen hat ein sehr schöner satirischer Artikel von Sascha Lobo.

 

Und: Es kam wie es kommen musste. In der heutigen Print-Ausgabe des Handelsblatts wird das Thema recht ausführlich behandelt. Mittlerweile ist der Artikel auch Online zu lesen. Damit ist der Fall endgültig im „Real Life“ angekommen. Jack Wolfskin wird nun nicht umhin kommen, sich zu äußern. Ich bin gespannt, wie.

Vielleicht wird dann auch die Frage beantwortet, ob die alles auslösenden Abmahnungen in Rücksprache mit dem Management von Jack Wolfskin erfolgt sind, oder ob die Kanzlei (in diesem Fall Harmsen Utescher in Hamburg) zwar den grundsätzlichen Auftrag zum Markenschutz hatte, aber im Einzelfall eigenmächtig gehandelt hat. Dann wäre vielleicht nicht nur für Unternehmen eine Schulung in Sachen Social Media angebracht…

Auf Abmahnwahn folgt PR-GAU: Was Jack Wolfskin, Jako & Co. lernen sollten.

Nach dem Sportausrüster Jako schafft es zurzeit mal wieder ein Markenartikler, seine Sympathiewerte durch die Elefant-im-Porzellanladen-Strategie nachhaltig in den Keller zu treiben. Jack Wolfskin hat Teilnehmer an der Heimarbeits-Plattform DaWanda und den Betreiber selbst kostenpflichtig abgemahnt, da auf dort gelisteten Kissen, Stoffen oder anderen selbst hergestellten Produkten Tatzenabdrücke zu sehen sind, welche Markenrechte von Jack Wolfskin verletzen sollen. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Thema von diversen Blogs aufgegriffen (u.a. gut dokumentiert beim Werbeblogger) und weiterverbreitet. Ergebnis: Die Goolge-Suche nach „Jack Wolfskin“ spuckt als ersten Treffer den Artikel auf Spiegel Online zum Thema aus, erst an zweiter Stelle folgt die Homepage der Firma. Von den 14 Links auf der ersten Ergebnisseite führen sieben zu kritischen Beiträgen in Blogs und anderswo. Auch bei Wikipedia ist mittlerweile ein Hinweis auf den Rechtsstreit aufgenommen. Auf Twitter finden sich knapp 900 Tweets zum Thema, ich habe bei einer Stichprobe keinen einzigen gefunden, der positiv für den Outdoorausrüster gewesen wäre.

Jede Online-Agentur würde vor Freude im Dreieck springen, wenn sie solch eine Medienpräsenz für ein Thema in so kurzer Zeit erreichen würde. Alleine auf Spiegel Online schauen jeden Tag durchschnittlich ca. 3,7 Millionen Besucher. Für Jack Wolfskin ist das allerdings nun der Super-PR-GAU. Und irgendwie scheint man das, was sich gerade in der Online-Welt abspielt, in der Firma noch nicht so ganz realisiert zu haben. Anders kann ich mir die Stellungnahme von gestern abend (zu lesen beim Werbeblogger), in der man auf seinen Recht und dem gewählten Vorgehen beharrt, nicht erklären.


Um mal ein Vergleich aus dem Fußball heranzuziehen: Wenn man als Champions-League-Teilnehmer beim Pokalspiel einen Sechstligisten an der Mittellinie mit Anlauf von hinten umgrätscht, obwohl es ein normaler Zweikampf auch getan hätte, dann muss man sich nicht wundern, wenn man dafür ausgepfiffen wird (auch wenn man vielleicht wirklich zuerst den Ball gespielt hat). Oder sachlicher: Eine Abmahnung sollte das letzte Mittel der Wahl sein, nicht das erste. Insbesondere gegen ungleiche Gegner. Und insbesondere in Zeiten der sozialen Vernetzung.

Was lässt sich nun aber allgemein aus diesem Fall lernen?

  • In Zeiten von Sozialen Netzwerken verbreiten sich Nachrichten schneller als jemals zuvor. Interessante Stories werden von Blogs aufgegriffen und weitererzählt und landen – wenn immer noch spannend – bei den Schwergewichten wie SpOn. Spätestens dann ist ein Thema in den Köpfen der Zielgruppe angekommen – und schadet damit dem Unternehmensimage enorm.
  • Die Netzgemeinde wacht sehr sorgsam über alles, was ihre Freiheit beeinträchtigt und hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Kostenpflichtige Abmahnungen gegenüber aktiven Mitlgiedern der Gemeinde aus gefühlt minder schwerwiegenden Gründen erregen garantiert Unmut, da es im Zweifelsfall andere Mitglieder an anderer Stelle ebenfalls treffen könnte. Ich behaupte einmal, dass die gleichen Abmahungen gegen Verkäufer auf realen Flohmärkten keinerlei Echo hervorgerufen hätten.
  • Gute Geschichten verbreiten sich nun einmal besser als schlechte: Gut gegen Böse, Klein gegen Groß. Dabei sollte man aufpassen, dass man nicht der große Böse ist, der gegen den guten Kleinen vorgeht. Aus Imagesicht kann man dabei nur verlieren.
  • Bevor man die juristische Keule aus dem Köcher holt, sollte man prüfen, ob nicht auch auf anderen Wegen das Ziel erreicht werden kann. Das bedarf allerdings Entscheidungsträger mit gesundem Menschenverstand und ausreichend Mut, um die Rechtsabteilung zu zügeln. Sich auf Rechtsgutachten zu berufen und „wir mussten das so tun“ zu argumentieren, ist einfach. Einen eigenen, vorsichtigeren Weg zu gehen, verlangt nach selbstständigem Handeln. Die Entscheidungsstrukturen sollten so angelegt sein, dass das möglich ist.

Keiner wirft Jack Wolfskin vor, wenn die Firma ihre Markenrechte gegen professionelle Fälscher hart verteidigt. In Zeiten, in denen sich sozialen Netzwerke etabliert haben, sollte man aber ganz genau darauf achten, wen man da aufs Korn nimmt. Die Zielgruppe ist im Zweifel schneller gegen sich aufgebracht und das Image nachhaltiger kaputt, als man sich das je hätte vorstellen können.

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