Nach zwei Tagen re:publica – was fehlt [mit Update]

Nach zwei Tagen re:publica sitze ich im Zug zurück in die Heimat. Den dritten Tag werde ich nicht mehr vor Ort, sondern die Sessions nur noch (wahrscheinlich in Bruchstücken) vor dem Rechner miterleben können. Das ist schade, aber besser als in den letzen Jahren, als ich gar nicht nach Berlin kommen konnte.

Nun lasse ich die Eindrücke Revue passieren und überlege, was für ein persönliches Fazit ich aus den ersten beiden Tagen der Konferenz ziehen soll. Das ist zunächst ein sehr positives: Die viel zitierte Klassentreffen-Atmosphäre ist wirklich da und es ist schön (und manchmal überraschend), Social Media-Bekanntschaften auch den Teil des Körpers zuordnen zu können, der sich unterhalb des Avatar-Bildes befindet. Daneben ist es natürlich sowieso spannend, sich mit einem bunten Haufen Gleichgesinnten über diverseste Themen auszutauschen. Alles bestens also?

Nicht ganz. Etwas fehlt mir. Etwas wichtiges: Die Relevanz. Und das Business.

Da spricht die gesamte Republik über die aktuellen Wahlerfolge der Piraten und die dahinter liegenden Gründe, die Urheberrechtsdiskussion schlägt hohe Wellen, die wirtschaftlichen Folgen neuen Rechts für Verwerter, Urheber und ganze Branchen sind ungeklärt, und drüben über den großen Teich geht die größte jemals existierende Webplattform an die Börse und kauft vorher noch einmal für eine Milliarde Dollar Unternehmen auf. Und in Berlin treffen sich die Protagonisten des deutschen Webs und diskutieren über – ja, über was eigentlich? Irgendwie über alles und nichts. Das Themenspektrum ist breit, jeder findet etwas für sich, aber die allermeisten Sessions machen einen großen Bogen um die beiden Mega-Themen: Wer hat die Macht im Web und wer verdient warum wirklich Geld mit welchen Geschäftsmodellen?

Denn es sollte eigentlich jedem klar sein, dass die Entscheidungen über die Zukunft des Webs entweder aus der Perspektive des Machterhalts (Politik) oder wirtschaftlicher Interessen (Unternehmen) getroffen werden. Darum müsste sich eine Netzkonferenz, welche eine Leitwirkung ausstrahlen will, insbesondere mit der Analyse und Herausarbeitung von politischen und unternehmerischen Entscheidungsprozessen, machtpolitischen Schachzügen, wirtschaftlichen Strategien und neuen Geschäftsmodellen widmen – nicht ausschließlich, aber schwerpunktmäßig neben den anderen Themenbereichen.

Einige zaghafte Versuche gab es ja – aber die Diskussion um den digitalen Dorfplatz brachte zwar die Zuspitzung „AGB oder Grundgesetz“ hervor, war mit einer Stunde aber viel zu knapp bemessen. Und das  eigentlich sehr spannende Thema „Disruption von Geschäftsmodellen“ krankte an seiner eher theoretischen Aufarbeitung. So war es (wieder einmal) Sascha Lobo vorbehalten, der versammelten Netzgemeinde ihre Aufgaben ins Stammbuch zu schreiben: Die Überzeugung der 30 Millionen „Internotnutzer“, dass netzpolitische Ideen durchaus wichtig und unterstützenswert sind, die Gefahr der Aufhebung der Netzneutralität durch die Hintertür und zunehmende Machtkonzentration bei wenigen Unternehmen, die wirtschaftlich, nicht nach Allgemeininteresse ausgerichtet sind und handeln.

Das sind auch aus meiner Sicht die Themen, über die sich die klügsten Köpfe des Webs austauschen sollten, wenn sie denn alle zusammenkommen. Dazu sollten gerne noch mehr Vertreter von großen Unternehmen wie Google, Facebook & Co. kommen und ihre Sicht der Zukunft (nicht die ihrer Produkte) vorstellen. Das hätte zum Einen den Vorteil, dass man die Meinung wirklicher Entscheider kennenlernt und zum Anderen ihnen auch gleich Wünsche und Meinungen mitgeben kann.

Eine solche Richtungsänderung der re:publica mag vielleicht von einigen als zu kommerziell abgelehnt werden, sie ist aber meines Ermessens unbedingt notwendig, wenn die Veranstaltung in Zukunft weiterhin den Anspruch erheben will, richtungsweisende Entscheidungen für das Web mitzugestalten. Denn das hat sie verdient.

[UPDATE 04.05.2012]

Vorhin verfolgte ich den Live-Stream von Stage 1, es sprachen Jacob Appelbaum und Dmytri Kleiner zum Thema „Resisting the surveillance state and its network effects“ (übrigens sehr spannend, viele Einsichten vermittelnd und nachdenklich machend). Die beiden Redner sagten klar: Die Strukturen im Netz, insbesondere Social Networks, können nicht mehr von Freiwilligen in ihrer Freizeit programmiert und betrieben werden. Sie werden von Unternehmen geschaffen, die dafür Geld von Investoren einsammeln. Dafür bieten die Unternehmensgründer ihren Geldgebern ein Geschäftsmodell an, um die Investitionen wieder hereinzuspielen. Oder klar ausgedrückt: Die Plattformen, die wir zum Austausch und zur Diskussion nutzen, sind nicht dazu gemacht, um uns genau das möglichst frei und ungehindert zu ermöglichen, sondern sie funktionieren knallhart nach wirtschaftlichen Kriterien. Und tun sie das nicht, existieren sie bald nicht mehr. Das kann man gut finden oder auch nicht, es ist aber nun einmal die Realität.

Will man im Netz etwas verändern, so muss man die ökonomischen Regeln, Gebräuche und Handlungszwänge verstehen, denen fast alle Netzfirmen unterliegen. Und die Beschäftigung mit diesem Themen fehlt mir total auf der re:publica. Ich habe keine Ahnung, ob Wirtschaft uncool ist oder einfach die passenden Redner fehlen, aber gerade dann sollte man anstreben, die Netzgemeinde in diesen Dingen etwas zu schulen. Warum lässt man nicht einen Experten die Zahlen von Facebook vor dem Börsengang analysieren und einschätzen, welche Einflüsse eine Börsennotierung auf die zukünftige Strategie von Facebook haben könnte? Warum erklärt keiner die neuesten Entwicklungen auf dem Technologiesektor und deren Auswirkungen auf Kommunikation und Interaktion? Wieso erläutert niemand die Marktgrößen von Print und Musik, deren Entwicklung in den letzten Jahren und diskutiert die Konsequenzen von Urheberrechtsänderungen?

Das sind die Fragen, welche den anstehenden Weichenstellungen zugrunde liegen. Es wäre wirklich zu wünschen, wenn das Spektrum der re:publica in Zukunft um diese Aspekte erweitert würde.

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