Telekom, Drosselkom, Netzneutralität – Deutschland vergeigt die Zukunftschancen nicht nur im Netz

Die Diskussion um die Drosselungspläne der Telekom geht ja nun schon eine Weile, und der anfängliche Aufschrei ob der Begrenzung der Flatrate (und damit faktischen Preiserhöhung für manche Nutzer) wurde rasch ergänzt durch das Thema Netzneutralität. Denn die Telekom rechnet auf die nun begrenzte monatliche Datenrate ihre eigenen Angebote wie Entertain nicht an – und offeriert gleichzeitig anderen Unternehmen, den Traffic zu ihren Seiten im Rahmen von bezahlten „managed services“ ebenfalls aus der Zählung zu nehmen. Trotz der intensiven Diskussion im Netz scheint die Tragweite dieses Vorgehens noch nicht allen bewusst zu sein, was man immer wieder beim Lesen von Beiträgen auf Facebook & Co. feststellen kann.

Mir ist es daher wichtig, die Implikationen der Telekom-Strategie so einleuchtend wie möglich offenzulegen und damit zu zeigen, dass zum Einen die Beerdigung der mit dem sperrigen Wort „Netzneutralität“ umschriebenen Gleichbehandlung der Angebote im Netz durch die Zugangsprovider ganz reale Auswirkungen auf alle hat und zum anderen nicht nur kurzfristige Schäden drohen, sondern ganz grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands in Gefahr ist.

Warum der Aufschrei bei der Telekom?

Ganz klar: Wenn ein Wald- und Wiesenprovider die gleichen Pläne veröffentlicht hätte, würde sich kaum jemand daran stören. Die Telekom hat aber über 45% Marktanteil bei den DSL-Anschlüssen und ist damit unumstrittener Marktführer. Darüber hinaus bündelt sie häufig den DSL-Anschluss mit Telefon und/oder Mobilfunk, sodass ein Wechsel großen Aufwand für Kunden bedeutet. Und es fragt sich, ob ein Wechsel zu einem anderen Provider überhaupt etwas bringt. Denn es wird auch gemutmaßt, dass die Telekom nur der Vorreiter bei dieser Maßnahme ist und die anderen Provider nachziehen werden, sobald der Pulverdampf sich verzogen hat.

Darum ist der Kampf gegen die Pläne auch so verbittert. Grundsätzlich hat die Telekom als unabhängiges Wirtschaftsunternehmen jedes Recht, ihre Produkte so zu gestalten, wie sie will. Zusammen mit der Marktmacht und der vermuteten Ausbreitung auf den Rest der Branche wird aber ein Präzedenzfall daraus, der weitreichende Auswirkungen letztendlich auf die Zukunft des Standortes Deutschland hat.

Internet goes Kabelfernsehen

Eine Drosselung der Datenmenge pro Monat ist ein reine monetäre Sache, sozusagen eine Preiserhöhung. Das ist nicht schön, aber legitim. Das eigentliche Problem ist die Tatsache, dass bestimmte Angebote wie Telekoms Entertain – oder die „managed services“ von Dritten – nicht bei der Ermittlung des Datenverbrauchs mitzählen. Der Nutzer erhält dann sozusagen zwei Pakete: Eine echte Flatrate für Entertain (und/oder andere Angebote Dritter) und ein begrenztes Volumenpaket für den Rest des Internets. Denkt man diesen Ansatz zu Ende, dann kommt dabei ein Internet nach Art des Kabelfernsehens heraus: Jeder Anbieter hat unterschedliche Pakete im Angebot, unter denen man dann auswählen kann. Man muss sich also nicht nur für Bandbreite, sondern auch das Datenvolumen pro Monat und die Freipakete entscheiden. So könnte die Telekom Entertain, Spotify und Facebook im Angebot haben, Vodafone Google und Microsoft und O2 Apples iTunes sowie Twitters Musikdienst – diese Dienste gibt es dann als echte Flatrate. Das letzte Paket umfasst das restliche Internet – gedrosselt.

Die Drosselung als Preisetikett

Die Folge dieser Paketschnürerei ist perfide: Obwohl es für manche Nutzer mit dem derzeitigen Datenvolumen vieleicht rational keinen Grund gibt, schleicht sich beim Surfen ein Gedanke ein: Jeder Klick auf eine Webseite oder einen Download außerhalb der Freipakete kostet plötzlich etwas – nämlich einen Teil des Freivolumens. Und es könnte ja sein, dass man gegen Ende des Monats der Volumengrenze nahe kommt und dann entweder für weiteres schnelles Surfen bezahlen muss oder seinen Internetanschluss aufgrund mangelnder Geschwindigkeit quasi nicht mehr gebrauchen kann. Die Folge ist, dass im Zweifel die Dienste aus den Paketen gegenüber ähnlichen „freien“ Angeboten vorgezogen werden. Also Spotify anstatt Rdio, YouTube statt Vimeo usw.

Innovationen werden erdrosselt

Das ist genau das Verhalten, was sich die Anbieter der „managed services“ wünschen. Aus ihrer Sicht ist das großartig, es ist allerdings für den Rest des Internets verheerend. Denn bestehende und insbesondere neue Dienste, gerade solche mit großem Datenhunger, werden es extrem schwer haben, sich durchzusetzen – denn besonders ihre Nutzung zahlt voll auf das Freikontingent des Anschlusses ein. Jeder, der schon einmal mit YouTube-Surfen auf dem Handy sein mobiles Freivolumen aufgebraucht hat und dann den Rest des Monats im Schneckentempo durchs Netz kroch, weiß, was gemeint ist. Und dann merkt man sich, dass man das besser nicht mehr macht – der Todesstoß für die entsprechende Webseite.

Die Aufgabe der Netzneutralität führt also zu einer weiteren Konzentration auf die sowieso schon großen Player und errichtet noch größere Hürden für kleine innovative Dienste, die gegen die etablierten antreten wollen. Kurz: Die Verletzung der Netzneutralität behindert Innovationen und neue Ideen. Ironischerweise wäre wahrscheinlich ein Spotify nie zur jetzigen Größe gelangt, wenn es die Drosselpläne vor ein paar Jahren schon gegeben hätte.

[Update 3.6.2013] In einem Gespräch mit der F.A.Z. ordnet Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, die Sachlage ähnlich ein. Die Telekom sei grundsätzlich in ihrer Preisgestaltung frei, die Ungleichbehandlung von Inhalten hätte aber eine wettbewerbsrechtliche Dimension: „So könnten erhebliche Marktzutrittsschranken entstehen, wenn kleine Anbieter nicht in der Lage sein sollten, sich eine prioritäre Behandlung zu erkaufen“. Da kann man gespannt sein, was die Prüfung der Sachlage durch das Kartellamt ergibt. [Ende Update]

Das Fernmeldegeheimnis wird löchrig

Ein weiterer problematischer Aspekt der unterschiedlichen Behandlung unterschiedlicher Anbieter, der bisher nur vereinzelt aufgegriffen wurde, ist das Ende der Privatsphäre des gedrosselten Nutzers. Denn um die freien Datenvolumina aus dem gesamten Datenstrom der Nutzer herausrechnen zu können, muss die Telekom den Datenverkehr jedes Nutzers protokollieren. Schon allein die Vorstellung schreckt ab, darüber hinaus sehen nicht nur Rechtsexperten (so z.B. RA Thomas Stadler) darin eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses, welches im § 88 des Telekommunikationsgesetzes festgeschrieben ist. Hier wird wahrscheinlich erst eine gerichtliche Klärung entscheiden, ob und wie die „managed services“ rechtskonform sind.

The big picture

Soweit ich das beurteilen kann, wurde die Kritik rund um die Themen Drosselung und Netzneutralität hauptsächlich von „netzaktiven“ Leuten vorangetrieben – glücklicherweise nicht ohne Erfolg, denn die offizielle ePetition wurde bis jetzt schon über 71.000 mal unterzeichnet. Trotzdem findet sich kein Entscheider aus der Politik, der die Angelegenheit vorantreibt und – viel wichtiger – die aktuellen Vorgänge in den großen Zusammenhang stellt und grundsätzlich die Zukunftsfähigkeit der aktuellen Netzinfrastruktur thematisiert.

Ein schnelles Netz ist das Fundament für fast alles

Denn die Datenströme des Internets sind mittlerweile zum Rückgrat fast aller neuen Technologien geworden. Vernetzung ist das große Thema nicht nur im Web, sondern im Maschinenbau, in der Produktion oder industriellen Fertigung. Während im Web über HD-Streaming zu den Endkunden diskutiert wird, tauschen gleichzeitig Millionen industrielle Anwendungen und Devices Daten miteinander aus oder holen sich Informationen aus dem Internet. Alle diese Technologien benötigen schnelle Netze mit großer, stabiler Bandbreite. Je größer die zur Verfügung stehende Bandbreite und je leichter diese zu erreichen ist, desto mehr und innovativere Services lassen sich entwickeln.

Deutschland braucht mehr Bandbreite, nicht weniger

Oder einfach gesagt: Deutschland braucht nicht weniger, sondern mehr Bandbreite. Für alle, überall. Und es reicht nicht, einfach Bandbreitenziele aufzustellen und dann zu warten, dass sich jemand darum kümmert. Unsere europäischen Nachbarn sind jetzt schon deutlich weiter und werden den Vorsprung ausbauen, wenn bei uns nichts passiert. In den USA überlegt Google sogar, Haushalte mit 1 GBit/s ans Glasfasernetz anzuschließen. Welche technischen Lösungen damit möglich werden, lässt sich heute nur erahnen.

Die Politik ist gefragt

Es ist eigentlich unfassbar, dass diese Fakten klar offen liegen und verschiedentlich auch aufgegriffen werden, aber die politischen Kräfte nicht in der Lage sind, diesen für die zukünftige Entwicklung des ganzen Landes so wichtigen Ausbau der technischen Infrastruktur auf die Agenda zu nehmen und Voraussetzungen zu schaffen, dass wir uns nicht schon sehr bald im globalen Vergleich der Innovationskraft der Länder hinten anstellen müssen.

Der Telekom kann man in dieser Hinsicht sogar gar keinen Vorwurf machen. Sie handelt aus ihrer Sicht rational und zielführend. Dass man sie gewähren lässt und damit die Zukunftsfähigkeit des ganzen Landes aufs Spiel gesetzt wird, das ist der eigentliche Skandal.

Nach zwei Tagen re:publica – was fehlt [mit Update]

Nach zwei Tagen re:publica sitze ich im Zug zurück in die Heimat. Den dritten Tag werde ich nicht mehr vor Ort, sondern die Sessions nur noch (wahrscheinlich in Bruchstücken) vor dem Rechner miterleben können. Das ist schade, aber besser als in den letzen Jahren, als ich gar nicht nach Berlin kommen konnte.

Nun lasse ich die Eindrücke Revue passieren und überlege, was für ein persönliches Fazit ich aus den ersten beiden Tagen der Konferenz ziehen soll. Das ist zunächst ein sehr positives: Die viel zitierte Klassentreffen-Atmosphäre ist wirklich da und es ist schön (und manchmal überraschend), Social Media-Bekanntschaften auch den Teil des Körpers zuordnen zu können, der sich unterhalb des Avatar-Bildes befindet. Daneben ist es natürlich sowieso spannend, sich mit einem bunten Haufen Gleichgesinnten über diverseste Themen auszutauschen. Alles bestens also?

Nicht ganz. Etwas fehlt mir. Etwas wichtiges: Die Relevanz. Und das Business.

Da spricht die gesamte Republik über die aktuellen Wahlerfolge der Piraten und die dahinter liegenden Gründe, die Urheberrechtsdiskussion schlägt hohe Wellen, die wirtschaftlichen Folgen neuen Rechts für Verwerter, Urheber und ganze Branchen sind ungeklärt, und drüben über den großen Teich geht die größte jemals existierende Webplattform an die Börse und kauft vorher noch einmal für eine Milliarde Dollar Unternehmen auf. Und in Berlin treffen sich die Protagonisten des deutschen Webs und diskutieren über – ja, über was eigentlich? Irgendwie über alles und nichts. Das Themenspektrum ist breit, jeder findet etwas für sich, aber die allermeisten Sessions machen einen großen Bogen um die beiden Mega-Themen: Wer hat die Macht im Web und wer verdient warum wirklich Geld mit welchen Geschäftsmodellen?

Denn es sollte eigentlich jedem klar sein, dass die Entscheidungen über die Zukunft des Webs entweder aus der Perspektive des Machterhalts (Politik) oder wirtschaftlicher Interessen (Unternehmen) getroffen werden. Darum müsste sich eine Netzkonferenz, welche eine Leitwirkung ausstrahlen will, insbesondere mit der Analyse und Herausarbeitung von politischen und unternehmerischen Entscheidungsprozessen, machtpolitischen Schachzügen, wirtschaftlichen Strategien und neuen Geschäftsmodellen widmen – nicht ausschließlich, aber schwerpunktmäßig neben den anderen Themenbereichen.

Einige zaghafte Versuche gab es ja – aber die Diskussion um den digitalen Dorfplatz brachte zwar die Zuspitzung „AGB oder Grundgesetz“ hervor, war mit einer Stunde aber viel zu knapp bemessen. Und das  eigentlich sehr spannende Thema „Disruption von Geschäftsmodellen“ krankte an seiner eher theoretischen Aufarbeitung. So war es (wieder einmal) Sascha Lobo vorbehalten, der versammelten Netzgemeinde ihre Aufgaben ins Stammbuch zu schreiben: Die Überzeugung der 30 Millionen „Internotnutzer“, dass netzpolitische Ideen durchaus wichtig und unterstützenswert sind, die Gefahr der Aufhebung der Netzneutralität durch die Hintertür und zunehmende Machtkonzentration bei wenigen Unternehmen, die wirtschaftlich, nicht nach Allgemeininteresse ausgerichtet sind und handeln.

Das sind auch aus meiner Sicht die Themen, über die sich die klügsten Köpfe des Webs austauschen sollten, wenn sie denn alle zusammenkommen. Dazu sollten gerne noch mehr Vertreter von großen Unternehmen wie Google, Facebook & Co. kommen und ihre Sicht der Zukunft (nicht die ihrer Produkte) vorstellen. Das hätte zum Einen den Vorteil, dass man die Meinung wirklicher Entscheider kennenlernt und zum Anderen ihnen auch gleich Wünsche und Meinungen mitgeben kann.

Eine solche Richtungsänderung der re:publica mag vielleicht von einigen als zu kommerziell abgelehnt werden, sie ist aber meines Ermessens unbedingt notwendig, wenn die Veranstaltung in Zukunft weiterhin den Anspruch erheben will, richtungsweisende Entscheidungen für das Web mitzugestalten. Denn das hat sie verdient.

[UPDATE 04.05.2012]

Vorhin verfolgte ich den Live-Stream von Stage 1, es sprachen Jacob Appelbaum und Dmytri Kleiner zum Thema „Resisting the surveillance state and its network effects“ (übrigens sehr spannend, viele Einsichten vermittelnd und nachdenklich machend). Die beiden Redner sagten klar: Die Strukturen im Netz, insbesondere Social Networks, können nicht mehr von Freiwilligen in ihrer Freizeit programmiert und betrieben werden. Sie werden von Unternehmen geschaffen, die dafür Geld von Investoren einsammeln. Dafür bieten die Unternehmensgründer ihren Geldgebern ein Geschäftsmodell an, um die Investitionen wieder hereinzuspielen. Oder klar ausgedrückt: Die Plattformen, die wir zum Austausch und zur Diskussion nutzen, sind nicht dazu gemacht, um uns genau das möglichst frei und ungehindert zu ermöglichen, sondern sie funktionieren knallhart nach wirtschaftlichen Kriterien. Und tun sie das nicht, existieren sie bald nicht mehr. Das kann man gut finden oder auch nicht, es ist aber nun einmal die Realität.

Will man im Netz etwas verändern, so muss man die ökonomischen Regeln, Gebräuche und Handlungszwänge verstehen, denen fast alle Netzfirmen unterliegen. Und die Beschäftigung mit diesem Themen fehlt mir total auf der re:publica. Ich habe keine Ahnung, ob Wirtschaft uncool ist oder einfach die passenden Redner fehlen, aber gerade dann sollte man anstreben, die Netzgemeinde in diesen Dingen etwas zu schulen. Warum lässt man nicht einen Experten die Zahlen von Facebook vor dem Börsengang analysieren und einschätzen, welche Einflüsse eine Börsennotierung auf die zukünftige Strategie von Facebook haben könnte? Warum erklärt keiner die neuesten Entwicklungen auf dem Technologiesektor und deren Auswirkungen auf Kommunikation und Interaktion? Wieso erläutert niemand die Marktgrößen von Print und Musik, deren Entwicklung in den letzten Jahren und diskutiert die Konsequenzen von Urheberrechtsänderungen?

Das sind die Fragen, welche den anstehenden Weichenstellungen zugrunde liegen. Es wäre wirklich zu wünschen, wenn das Spektrum der re:publica in Zukunft um diese Aspekte erweitert würde.

Thesen zum Urheberrecht: Schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus!

Zurzeit brandet ja die Diskussion um eine grundsätzliche Änderung des Urheberrechts hoch, mit immer mehr emotionalen Beiträgen, zuletzt von Sven Regener, dem Sänger der Band Elememt of Crime (hier sein Interview auf BR2). Dabei wird gerne polarisiert, von Seiten der Befürworter des aktuellen Status wie auch von den Streitern einer weitgehenden Freigabe der Rechte (eine immer länger werdende Liste aller Beiträge findet sich bei Heike Rost).

Nun zähle ich mich eigentlich eher zugehörig zu der „Netzgemeinde“, wie auch immer sie genau definiert sein mag und bin sicher kein Unterstützer der unbedingten Aufrechterhaltung überholter Geschäftsmodelle per Gesetz. Ich stimme auch vorbehaltlos zu, wenn das Internet als Katalysator vieler positiver Entwicklungen gesehen wird und ein möglichst freier Austausch von Inhalten und Ideen gefördert werden soll. Allerdings weiß ich nicht, ob „frei“ auch immer „kostenlos“ heißen muss. Denn ich bin in Sorge, dass ohne Einnahmen aus den Inhalten viele Urheber nicht mehr in der Lage sein werden, welche zu produzieren.

Bei den Hauptpunkten pro freies Kopieren stört mich besonders, dass einige grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten komplett ausblendet werden und deshalb aus meiner Sicht falsche Schlüsse gezogen werden. Dabei handelt es sich um die Argumentationen:

Freies Kopieren und freie Nutzung: Da es keinen effektiven Kopierschutz gibt, sollte man digitale Kopien urheberrechtlich geschützten Materials gleich freigeben. Denn freie Kopien fördern die Entwicklung der Gesellschaft.

Es braucht heutzutage keine Verlage oder Medienkonzerne, die Künstler können sich selbst vermarkten: Die Geschäftsmodelle der Musikindustrie und der Verlage sind überholt, die Künster und Autoren können sich selbst vermarkten.

Das sehe ich (mittlerweile) etwas differenzierter:

These 1: Die aktuellen Geschäftsmodelle der Musikindustrie und Verlage mögen überholt sein, ihre Funktionen sind es nicht.

Denn zurzeit mag die gern beispielhaft angeführte Eigenvermarktung einiger Künster und Autoren im Netz funktionieren, weil es noch wenige tun. Wenn sich aber mehr Künstler um die Aufmerksamkeit einer in etwa gleichbleibenden Anzahl vob Hörern/Nutzern/Käufern streiten, dann wird der einzelne Künstler weniger vom Kuchen abbekommen – das ist einfache Mathematik. Ob die erzielten Einnahmen dann noch für alle zum Leben reichen, bezweifle ich.

Die logische Folge zunehmender Eigenvermarktung ist, dass sich die Künstler und Autoren selbst um Marketing und Vertrieb kümmern müssen. Ja, genau das böse Marketing, was die Plattenfirmen bisher machen. Denn mit geistigen Werken ist es wie mit schnöden physischen Produkten: Mehr von ihrem Zeug verkaufen dann im Zweifel diejenigen, die das bessere Marketing machen (solange ihre Musik oder Schreibe das hergibt).

Nun ist aber dummerweise das Talent zur Vermarktung nicht analog zu dem für das Musikmachen oder Schreiben verteilt. Das gleiche gilt für das individuelle Budget, welches fürs Marketing ausgegeben werden kann. Oder anders ausgedrückt: Wer es selbst nicht kann oder will, beauftragt Leute, die mehr davon verstehen. Und das kostet Geld. Künster und Autoren, die sich ein angemessenes Vertriebs- und Marketingbudget leisten können, haben damit kein Problem – aber das sind nur wenige. Der Rest ist darauf angewiesen, dass jemand anderes in Vorleistung geht, sonst wird niemand etwas von der Musik und/oder Büchern erfahren. Und genau das machen heutzutage Verlage und Labels.

Zwischenfazit 1: Die Erstellung von Inhalten braucht grundlegende Voraussetzungen, welche nicht wegdiskutiert werden können. Auch wenn Verlage und Labels in Zukunft anders aussehen als heute und ihre Funktionen vielleicht von anderen erfüllt werden – irgendwer muss Produktion, Marketing, Vertrieb usw. übernehmen. Und im Zweifel vorfinanzieren. Das können die Urheber im Gegensatz zu manchen Darstellungen nicht leisten.

These 2: Es braucht neue Geschäftsmodelle für die digitale Inhaltevermarktung. Dabei darf aber der Verkauf von Inhalten nicht ausgeschlossen werden.

Es sind nun also schon mindestens zwei Parteien, die Einnahmen durch die Inhalte erwarten: Die Produzenten/Marketingler/Vertriebler, die in Vorleistung gegangen sind, und die Urheber selbst, welche schließlich von ihrer Arbeit leben wollen. Drei Modelle zur Erzielung von Einnahmen aus digitalen Inhalten werden üblicherweise in der Diskussion genannt:

  • Einnahmen aus dem Verkauf der Inhalte.
  • Einnahmen aus physischen Nebengeschäften wie Konzerte, Lesungen, Merchandising etc.
  • Einnahmen aus Werbung auf Webseiten, auf dem das Material zu finden ist.

Die dritte Variante wird häufig als das „neue Geschäftsmodell“ genannt. Dummerweise sagt die Erfahrung der letzten Jahre, dass das so einfach nicht funktioniert. Die Preise für Werbung im Web sind aufgrund des Überangebots von Werbeplätzen im Keller, sodass damit nur ganz große Webseiten profitabel arbeiten können. Eine auskömmliche Finanzerung von allen Künstlern oder Autoren durch die Partizipation an Werbeeinnahmen ist schlichtweg unmöglich.

Die zweite Variante mag für bekannte Künstler eine Lösung sein, für die überwiegende Anzahl von Autoren und Musikern ist sie es nicht. Denn die tauchen gerade vielleicht einmal im Impressum der Zeitung oder als Kürzel unter den Artikeln auf – eine denkbar schlechte Ausgangsposition für eine Vermarketung.

Bleibt also noch das gute alte Verkaufen der Inhalte. Und das geschieht zum überwiegenden Teil an Private, also genau die Zielgruppe, für die die Kopien frei sein sollen. Mit der Freigabe der Kopien würde dieser komplette Verwertungszweig wegfallen – denn wenn der private Austausch von Dateien frei ist, braucht es keine Kaufportale wie iTunes oder amazon & Co. mehr. Warum sollte ich Geld für Musik und eBooks ausgeben, wenn ich sie bei peer-to-peer Netzwerken umsonst bekomme?

Zwischenfazit 2: Die Freigabe von Kopien würde die größte Säule der Einnahmen komplett wegbrechen lassen und so die monitäre Verwertung von digitalen Inhalten sowohl für Verwerter als auch für Urheber bis auf Ausnahmen fast unmöglich machen – ohne die Aussicht auf alternative Verwertungsmodelle. Das würde gerade die Urheber extenziell treffen und kann nicht Sinn und Zweck einer Urheberrechtsreform sein.

Fazit: Die generelle Freigabe von Kopien schüttet das Kind mit dem Bade aus.

Die Kritik an den großen Verwertern digitaler Inhalte, der Musikindustrie und den Verlagen, mag berechtigt sein. Die Geschäftsmodelle sind teilweise veraltet und haben sich den neuen Gegebenheiten noch nicht angepasst. Dennoch sind die Funktionen dieser Institutionen die Voraussetzung (neudeutsch würde ich „Enabler“ sagen) dafür, dass viele Inhalte überhaupt erst erstellt und produziert werden. Die vollständige Freigabe der Kopie mag zunächst für die Gesellschaft förderlich sein, führt aber durch das Wegfallen der Monetarisierungsmöglichkeit dazu, dass Urheber sich das Urheben nicht mehr leisten können und somit Menge und Vielfalt insbesondere von Musik und Literatur dramatisch zurückgehen wird. Damit wird genau das Gegenteil davon erreicht, was eigentlich Ziel der Übung war.

Heveling und die Kommentare zu den Kommentaren

Eigentlich dachte ich ja, das Thema Heveling ist nun durch, nachdem seine, sagen wir mal, pointierten Aussagen anfangs mit Fassungslosigkeit, dann mit Häme und schließlich mit Spieltrieb durch das Web 2.0 Dorf getrieben wurden. Gestern Abend las ich aber Kommentare, welche die ganze Angelegenheit als solche sehr tiefenentspannd kommentierten. So z.B. Peter Altmeier (Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) auf Twitter sowie Mirko Lange auf G+. Tenor der beiden Kommentare: Da hat aber einer geschickt die Netzgemeinde „am Nasenring durch die digitale Arena führt“ (ML) und nun „bewerfen sich [die Kinder] begeistert mit Förmchen“ (PA).

Das macht mich wütend.

Denn hier hat nicht ein verwirrter PR-Berater in seinem Blog getrollt, sondern ein Mitglied des Bundestags, der zudem noch Mitglied des Rechtsausschusses, Mitglied der Enquête-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft sowie stellvertretendes Mitglied des Kultur- und Medienausschusses ist, in einer angesehenen Wirtschaftszeitung einen Artikel veröffentlicht.

Zur Erinnerung: Ein Mitglied des Bundestags ist einer von den 620 Frauen und Männern, die das Unternehmen Deutschland mit knapp 320 Milliarden Euro Umsatz und über 81 Millionen Mitarbeitern führen. Deren Entscheidungen sind also nicht ganz unwichtig und von einiger Tragweite.

Mein Anspruch an einen MdB ist, dass er intellektuell, fachlich und charakterlich in der Lage ist, unser Land zu führen, auf Herausforderungen zu reagieren und für die Zukunft gut aufzustellen. Und ich vermute einmal, dass ich mit dieser Einstellung nicht alleine bin. Wenn mir nun jemand aus dieser Riege quasi mit Anlauf aufzeigt, dass er diese Anforderungen nicht erfüllt – und zudem noch auf einem Gebiet, was mir persönlich sehr wichtig ist-, dann bin ich sauer und bringe das auch zum Ausdruck. Und auch das geht anderen genauso, wie man das an den Kommentaren sehen kann. Das hat mit Förmchen werfen oder Nasenring nichts zu tun.

Übrigens denke ich, dass ich den Unterschied zwischen pointierter oder auch provozierender Argumentation und zusammenhanglosen Aneinanderreihen von wirren Aussagen erkennen kann. Im Gegensatz zu den mit Sprachwitz und Hintersinn verfassten Kolumnen von Sascha Lobo war der Beitrag von Herrn Heveling frei jeglicher inhaltlicher Argumente und sprachlich auf dem Niveau einer Kriegsberichtserstattung. Selbst bei mehrmaligem Lesen fand ich dort keinen Ansatz, eine Diskussion zum Sachthema zu führen.

Wer das wie Mirko Lange und Peter Altmeier als lustiges Spielchen eines MdB darstellt, den kann ich nicht mehr ernst nehmen. Schade eigentlich, denn ich hatte bisher eine gute Meinung von den beiden.

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