Google vergisst nicht, es ist jetzt nur auf einem Auge blind

Die Berichterstattung über das EuGH-Urteil „Recht auf Vergessen(werden)“ gegen Google ist ja sehr umfangreich gewesen, eine kurze Suche mit Talkwalker nach den Stichwort ergibt zurzeit über 2.500 Treffer in den letzten sieben Tagen alleine in News, Blogs und Foren. Bei den allermeisten von mir gelesenen Artikeln irritiert mich allerdings die Kernbotschaft, die dort vermittelt wird: Google vergisst jetzt, Links müssen auf Anfrage gelöscht werden, kritische Artikel können jetzt unterdrückt werden.

Das stimmt nicht. Google löscht keine Links – es zeigt sie nur bei bestimmten Suchen nicht mehr an.

Der Kern des EuGH-Urteils war, dass Google bei der Suche nach Namen von Personen mit der Ausgabe der üblichen Ergebnisliste ein Persönlichkeitsprofil erstellt, welches das in der europäische Datenschutzrichtlinie verankerte Recht auf Privatsphäre verletzt. Nur in diesem Fall kann ein Betroffener Löschung des Links aus der Suchergebnisliste verlangen – in der Kurzform nachzulesen z.B. bei RA Thomas Stadtler.

Wenn also Max Mustermann sich in grauer Vorzeit einmal daneben benommen hat und ein alter Artikel über seine Schützenfestscherze noch immer über die Google-Suche nach „Max Mustermann“ in der digitalen Lokalzeitung zu finden ist, dann kann Max Mustermann eine Löschung des Links aus der Suchergebnisliste verlangen. Der Link zum Artikel bleibt aber weiterhin im Google-Index, er darf nur nicht bei der Suche nach „Max Mustermann“ ausgeworfen werden. Suchen nach „Schützenfest 2000“ oder „Die besten Scherze der Schützen“ können weiterhin auf den Artikel verweisen – denn hier werden keine Persönlichkeitsprofile erstellt.

Kritische Artikel werden also weiterhin bei Google gefunden, man muss nur andere Suchanfragen stellen. Das hört sich zunächst einfach an, hat allerdings einen Haken: Wenn ich nicht weiß, wonach ich suchen muss, finde ich nur schwer die entsprechenden Artikel. Hier ist in Zukunft also etwas mehr Einsatz und Kreativität gefragt.

Ich bin mir zudem sicher, dass uns das Thema in den nächsten Jahren noch häufiger beschäftigen wird. Denn es wird genügend Leute geben, die das Urteil nutzen wollen, um bei Google ein makelloses Trefferbild bei der Suche nach ihrem Namen durchzusetzen. Inwieweit das umgesetzt werden muss, werden die Gerichte beurteilen. Ähnlich strittig dürften die betreffenden Suchanfragen selbst sein: Werden nur Anfragen nach „Max Mustermann“ vom Urteil erfasst? Oder reichen auch schon „Mustermann“ oder „M. Mustermann“ als Suchbegriffe?

Es ist also noch vieles im Fluss, auch wenn die aktuelle Aufregung in den Online-Blättern etwas anderes vermittelt.

 

Heveling und die Kommentare zu den Kommentaren

Eigentlich dachte ich ja, das Thema Heveling ist nun durch, nachdem seine, sagen wir mal, pointierten Aussagen anfangs mit Fassungslosigkeit, dann mit Häme und schließlich mit Spieltrieb durch das Web 2.0 Dorf getrieben wurden. Gestern Abend las ich aber Kommentare, welche die ganze Angelegenheit als solche sehr tiefenentspannd kommentierten. So z.B. Peter Altmeier (Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) auf Twitter sowie Mirko Lange auf G+. Tenor der beiden Kommentare: Da hat aber einer geschickt die Netzgemeinde „am Nasenring durch die digitale Arena führt“ (ML) und nun „bewerfen sich [die Kinder] begeistert mit Förmchen“ (PA).

Das macht mich wütend.

Denn hier hat nicht ein verwirrter PR-Berater in seinem Blog getrollt, sondern ein Mitglied des Bundestags, der zudem noch Mitglied des Rechtsausschusses, Mitglied der Enquête-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft sowie stellvertretendes Mitglied des Kultur- und Medienausschusses ist, in einer angesehenen Wirtschaftszeitung einen Artikel veröffentlicht.

Zur Erinnerung: Ein Mitglied des Bundestags ist einer von den 620 Frauen und Männern, die das Unternehmen Deutschland mit knapp 320 Milliarden Euro Umsatz und über 81 Millionen Mitarbeitern führen. Deren Entscheidungen sind also nicht ganz unwichtig und von einiger Tragweite.

Mein Anspruch an einen MdB ist, dass er intellektuell, fachlich und charakterlich in der Lage ist, unser Land zu führen, auf Herausforderungen zu reagieren und für die Zukunft gut aufzustellen. Und ich vermute einmal, dass ich mit dieser Einstellung nicht alleine bin. Wenn mir nun jemand aus dieser Riege quasi mit Anlauf aufzeigt, dass er diese Anforderungen nicht erfüllt – und zudem noch auf einem Gebiet, was mir persönlich sehr wichtig ist-, dann bin ich sauer und bringe das auch zum Ausdruck. Und auch das geht anderen genauso, wie man das an den Kommentaren sehen kann. Das hat mit Förmchen werfen oder Nasenring nichts zu tun.

Übrigens denke ich, dass ich den Unterschied zwischen pointierter oder auch provozierender Argumentation und zusammenhanglosen Aneinanderreihen von wirren Aussagen erkennen kann. Im Gegensatz zu den mit Sprachwitz und Hintersinn verfassten Kolumnen von Sascha Lobo war der Beitrag von Herrn Heveling frei jeglicher inhaltlicher Argumente und sprachlich auf dem Niveau einer Kriegsberichtserstattung. Selbst bei mehrmaligem Lesen fand ich dort keinen Ansatz, eine Diskussion zum Sachthema zu führen.

Wer das wie Mirko Lange und Peter Altmeier als lustiges Spielchen eines MdB darstellt, den kann ich nicht mehr ernst nehmen. Schade eigentlich, denn ich hatte bisher eine gute Meinung von den beiden.

(Originalbeitrag auf Google+ mit Kommentaren: https://plus.google.com/104135034057747253597/posts/ZqRnA3za2zr)