Thesen zum Urheberrecht: Schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus!

Zurzeit brandet ja die Diskussion um eine grundsätzliche Änderung des Urheberrechts hoch, mit immer mehr emotionalen Beiträgen, zuletzt von Sven Regener, dem Sänger der Band Elememt of Crime (hier sein Interview auf BR2). Dabei wird gerne polarisiert, von Seiten der Befürworter des aktuellen Status wie auch von den Streitern einer weitgehenden Freigabe der Rechte (eine immer länger werdende Liste aller Beiträge findet sich bei Heike Rost). Nun zähle ich mich eigentlich eher zugehörig zu der „Netzgemeinde“, wie auch immer sie genau definiert sein mag und bin sicher kein Unterstützer der unbedingten Aufrechterhaltung überholter Geschäftsmodelle per Gesetz. Ich stimme auch vorbehaltlos zu, wenn das Internet als Katalysator vieler positiver Entwicklungen gesehen wird und ein möglichst freier Austausch von Inhalten und Ideen gefördert werden soll. Allerdings weiß ich nicht, ob „frei“ auch immer „kostenlos“ heißen muss. Denn ich bin in Sorge, dass ohne Einnahmen aus den Inhalten viele Urheber nicht mehr in der Lage sein werden, welche zu produzieren. Bei den Hauptpunkten pro freies Kopieren stört mich besonders, dass einige grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten komplett ausblendet werden und deshalb aus meiner Sicht falsche Schlüsse gezogen werden. Dabei handelt es sich um die Argumentationen: Freies Kopieren und freie Nutzung: Da es keinen effektiven Kopierschutz gibt, sollte man digitale Kopien urheberrechtlich geschützten Materials gleich freigeben. Denn freie Kopien fördern die Entwicklung der Gesellschaft. Es braucht heutzutage keine Verlage oder Medienkonzerne, die Künstler können sich selbst vermarkten: Die Geschäftsmodelle der Musikindustrie und der Verlage sind überholt, die Künster und Autoren können sich selbst vermarkten. Das sehe ich (mittlerweile) etwas differenzierter:

These 1: Die aktuellen Geschäftsmodelle der Musikindustrie und Verlage mögen überholt sein, ihre Funktionen sind es nicht.

Denn zurzeit mag die gern beispielhaft angeführte Eigenvermarktung einiger Künster und Autoren im Netz funktionieren, weil es noch wenige tun. Wenn sich aber mehr Künstler um die Aufmerksamkeit einer in etwa gleichbleibenden Anzahl vob Hörern/Nutzern/Käufern streiten, dann wird der einzelne Künstler weniger vom Kuchen abbekommen – das ist einfache Mathematik. Ob die erzielten Einnahmen dann noch für alle zum Leben reichen, bezweifle ich. Die logische Folge zunehmender Eigenvermarktung ist, dass sich die Künstler und Autoren selbst um Marketing und Vertrieb kümmern müssen. Ja, genau das böse Marketing, was die Plattenfirmen bisher machen. Denn mit geistigen Werken ist es wie mit schnöden physischen Produkten: Mehr von ihrem Zeug verkaufen dann im Zweifel diejenigen, die das bessere Marketing machen (solange ihre Musik oder Schreibe das hergibt). Nun ist aber dummerweise das Talent zur Vermarktung nicht analog zu dem für das Musikmachen oder Schreiben verteilt. Das gleiche gilt für das individuelle Budget, welches fürs Marketing ausgegeben werden kann. Oder anders ausgedrückt: Wer es selbst nicht kann oder will, beauftragt Leute, die mehr davon verstehen. Und das kostet Geld. Künster und Autoren, die sich ein angemessenes Vertriebs- und Marketingbudget leisten können, haben damit kein Problem – aber das sind nur wenige. Der Rest ist darauf angewiesen, dass jemand anderes in Vorleistung geht, sonst wird niemand etwas von der Musik und/oder Büchern erfahren. Und genau das machen heutzutage Verlage und Labels. Zwischenfazit 1: Die Erstellung von Inhalten braucht grundlegende Voraussetzungen, welche nicht wegdiskutiert werden können. Auch wenn Verlage und Labels in Zukunft anders aussehen als heute und ihre Funktionen vielleicht von anderen erfüllt werden – irgendwer muss Produktion, Marketing, Vertrieb usw. übernehmen. Und im Zweifel vorfinanzieren. Das können die Urheber im Gegensatz zu manchen Darstellungen nicht leisten.

These 2: Es braucht neue Geschäftsmodelle für die digitale Inhaltevermarktung. Dabei darf aber der Verkauf von Inhalten nicht ausgeschlossen werden.

Es sind nun also schon mindestens zwei Parteien, die Einnahmen durch die Inhalte erwarten: Die Produzenten/Marketingler/Vertriebler, die in Vorleistung gegangen sind, und die Urheber selbst, welche schließlich von ihrer Arbeit leben wollen. Drei Modelle zur Erzielung von Einnahmen aus digitalen Inhalten werden üblicherweise in der Diskussion genannt:
  • Einnahmen aus dem Verkauf der Inhalte.
  • Einnahmen aus physischen Nebengeschäften wie Konzerte, Lesungen, Merchandising etc.
  • Einnahmen aus Werbung auf Webseiten, auf dem das Material zu finden ist.
Die dritte Variante wird häufig als das „neue Geschäftsmodell“ genannt. Dummerweise sagt die Erfahrung der letzten Jahre, dass das so einfach nicht funktioniert. Die Preise für Werbung im Web sind aufgrund des Überangebots von Werbeplätzen im Keller, sodass damit nur ganz große Webseiten profitabel arbeiten können. Eine auskömmliche Finanzerung von allen Künstlern oder Autoren durch die Partizipation an Werbeeinnahmen ist schlichtweg unmöglich. Die zweite Variante mag für bekannte Künstler eine Lösung sein, für die überwiegende Anzahl von Autoren und Musikern ist sie es nicht. Denn die tauchen gerade vielleicht einmal im Impressum der Zeitung oder als Kürzel unter den Artikeln auf – eine denkbar schlechte Ausgangsposition für eine Vermarketung. Bleibt also noch das gute alte Verkaufen der Inhalte. Und das geschieht zum überwiegenden Teil an Private, also genau die Zielgruppe, für die die Kopien frei sein sollen. Mit der Freigabe der Kopien würde dieser komplette Verwertungszweig wegfallen – denn wenn der private Austausch von Dateien frei ist, braucht es keine Kaufportale wie iTunes oder amazon & Co. mehr. Warum sollte ich Geld für Musik und eBooks ausgeben, wenn ich sie bei peer-to-peer Netzwerken umsonst bekomme? Zwischenfazit 2: Die Freigabe von Kopien würde die größte Säule der Einnahmen komplett wegbrechen lassen und so die monitäre Verwertung von digitalen Inhalten sowohl für Verwerter als auch für Urheber bis auf Ausnahmen fast unmöglich machen – ohne die Aussicht auf alternative Verwertungsmodelle. Das würde gerade die Urheber extenziell treffen und kann nicht Sinn und Zweck einer Urheberrechtsreform sein.

Fazit: Die generelle Freigabe von Kopien schüttet das Kind mit dem Bade aus.

Die Kritik an den großen Verwertern digitaler Inhalte, der Musikindustrie und den Verlagen, mag berechtigt sein. Die Geschäftsmodelle sind teilweise veraltet und haben sich den neuen Gegebenheiten noch nicht angepasst. Dennoch sind die Funktionen dieser Institutionen die Voraussetzung (neudeutsch würde ich „Enabler“ sagen) dafür, dass viele Inhalte überhaupt erst erstellt und produziert werden. Die vollständige Freigabe der Kopie mag zunächst für die Gesellschaft förderlich sein, führt aber durch das Wegfallen der Monetarisierungsmöglichkeit dazu, dass Urheber sich das Urheben nicht mehr leisten können und somit Menge und Vielfalt insbesondere von Musik und Literatur dramatisch zurückgehen wird. Damit wird genau das Gegenteil davon erreicht, was eigentlich Ziel der Übung war.

Schreibe einen Kommentar