Twitter schwächelt? Oder: Detailwissen schadet nur.

In den letzten Tagen wurde von u.a. von Spiegel Online und Meedia von einer Nielsen-Studie berichtet, in der Twitter ein Besucherrückgang im September von 27,8% nachgesagt wurde. Gemessen wurden 18,9 Millionen unique visitors auf twitter.com im Vergleich zu 26,2 Millionen im Vormonat (siehe eMarketer). Auch wenn man sich die Alexa-Zahlen anschaut, kann man auf die Idee kommen, dass Twitter schwächelt:

Alexa-Auswertung von Twitter.com

Während in den oben genannten Artikeln zwar im weiteren Verlauf darauf hingewiesen wurde, dass sinkente Nutzerzahlen (wobei es eigentlich um Besucher geht) eventuell auf die stark steigende Nutzung von Client-Software wie z.B. Tweetdeck oder Seesmic zurückzuführen sind, reichte es doch für zugkräftige Überschriften, welche den Ton setzten. Andere griffen das Thema gerne auf, waren aber weniger detailliert und somit unkritisch kritisch (z.B. “Ist Twitter out?” auf wiwo.de). Glücklicherweise gibt mit Stefan Niggemeier und seinem Bildblog auch Stimmen, welche die Meldungen einordnen können.

Dabei ist es gar nicht so schwer, sich eine eigene Meinung zu verschaffen. So ist die Statistik von TweetStats mit zwei Klicks erreichbar. Sie sagt aus, dass nur 31,2% der Tweets über das Web abgesetzt werden. Der überwiegende Teil aus anderen Programmen – mobil oder vom PC – geschrieben. Die Auswertungen von Thomas Pfeiffer bestätigen dies.

Das heißt, dass die wenigsten aktiven Twitterer auf die Webseite zugreifen, um zu twittern (ich gehe mal davon aus, dass Nur-Leser keine Applikation installieren, um auf Twitter zuzugreifen). Somit sollte sich ein Rückgang der Besucher auf twitter.com dementsprechend wenig auf die Anzahl der abgesetzten Tweets auswirken. Da bei Twitter jeder Tweet mit einer eindeutigen Nummer veröffentlicht wird, kann man leicht das Wachstum der Tweets nachweisen. Und das sieht dann so aus:

Auswertung der Twitter-Tweets 2008-2009

Wie leicht zu erkennen ist, lässt sich ein Rückgang der Tweets nicht nachweisen. Twitter wächst – gemessen an den Tweets – insbesondere seit Mitte diesen Jahres enorm. Da mit der Popularisierung des Dienstes durch die Neunutzer die durchschnittliche Anzahl der Tweets pro Nutzer eher abnehmen als zunehmen dürfte, kann ich auch keinen dramatischen Rückgang der Nutzer herleiten.

Kurzum: Berichte über einen Twitter-Niedergang sind zwar Auflagen- oder Zugriffs-fördernd, lassen sich mit ein wenig Kenntnis des Systems einfach wiederlegen.

Update 03.12.2009: Der letzte Wert für den 01.12.2009 in der Wachtstums-Grafik ist jetzt nicht mehr geschätzt, sondern mit einer realen Zahl hinterlegt. Das ändert aber nichts an der Aussage. Web-Evangelist Thomas Pfeiffer kommt in seiner November-Auswertung übrigens zu einem Rückgang von 5% bei den aktiv deutschsprachigen Accounts. Das schlägt sich – bei der US-lastigkeit von Twitter – naturgemäß nicht auf die Gesamtzahl der Tweets nieder und dürfte sich mit lokalen Besonderheiten erklären lassen.