Wasser predigen, Wein trinken – die Rheinische Post und ihre Interpretation des Leistungsschutzrechts [2. Update]

Die Rheinische Post (RP) aus Düsseldorf ist ja eine der angesehenen Zeitungen im Lande und natürlich auch Mitglied im Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Der BDZV setzt sich seit geraumer Zeit für das Leistungsschutzrecht ein, das bekanntermaßen die redaktionelle Leistung der Verlage schützen soll. Der BDZV schreibt dazu:

“Täglich entstehen in deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen Tausende aufwendig produzierte Artikel, die im Internetzeitalter aber in Sekundenschnelle von Dritten ausschnittsweise oder komplett übernommen, verwertet und vermarktet werden können. Dieser kommerziellen Nutzung stehen die Verlage schutzlos gegenüber…”

Die RP scheint es aber selbst mit dem Leistungsschutz nicht so genau zu nehmen oder ein etwas anderes Verständnis davon zu haben: Letzte Woche hat Stefan Reinermann von r2medien aus Münster eine kleine Untersuchung zu den Facebook-Seiten der Fußball-Bundesliga Clubs erstellt und mich gebeten, eine Einschätzung der Kriterien Inhalt, Interaktion und Design zu geben. Den Text und das Chart hat Stefan dann verschiedenen Redaktionen zum Kauf angeboten, ich habe in meinem letzten Blogpost ebenfalls darauf hingewiesen. Die Reaktionen waren recht erfreulich, so veröffentlichten die Westfälischen Nachrichten gestern den Originaltext samt Chart sowohl in der Zeitung als auch im Web – hier zu lesen.

Das Erstaunen von Stefan (und mir) war dann groß, als wir heute auf den Webseiten der RP unsere Auswertung wiederfanden – allerdings mit anderem Text sowie den Ergebnissen der Auswertung auf eine Klickstrecke ausgedehnt. Als Autor stand ein Nicolas Berthold über dem Artikel. Von Stefan oder mir kein Wort (Screenshot des Artikels liegt vor).

Stefan wandte sich natürlich direkt an die Redaktion und erfuhr, dass der Artikel von einem freien Mitarbeiter stamme und er doch bitte seine Eingabe noch einmal per E-Mail schicken solle. Das tat er, und tatsächlich änderte die RP den Text und erwähnt nun Stefans Agentur r2medien und mich im Artikel. Stefans Hinweis, dass ihm als Urheber auch ein Honorar zustände, beantwortete die Rechtsabteilung abschlägig: Die Idee eines Rankings sei ja urheberrechtlich nicht geschützt und die Zahlen der Facebook-Fans sind auch frei abrufbar. Eine Übernahme eines urheberrechtlich geschützten Werkes sei hier nicht zu erkennen.

Hallo? Liebe RP, was ist das denn für eine Argumentation?

Natürlich kann jeder ein Ranking der Bundesliga-Vereine nach der Anzahl ihrer Facebook-Fans erstellen und dazu die Zahlen von den Facebook-Seiten abschreiben. Das ist keine einzigartige Idee und sicher nicht schützenswert. Wenn sich aber jemand die Mühe macht und dieses tut, dann darf ich nicht die Zahlen von ihm abschreiben, die eigens erstellten Bewertungen übernehmen, den Text umformulieren und dann so tun, als wäre er von mir. Das ist nichts anderes als die kommerzielle Nutzung von Werken Dritter, die im Zuge der Leistungsschutzrecht-Diskussion so angeprangert wird. Und im Gegensatz zu Google, das die Quelle klar nennt und ihr jede Menge Traffic liefert, wird hier weder das eine noch das andere getan.

Mir bleibt nur ein Kopfschütteln und die erneute Erkenntnis, dass die wohlformulierten Worte von Verbandsvertretern und das reale Handeln ihrer Mitglieder zwei sehr gegensätzliche Welten sind.

Update 04.02.2011: Eine E-Mail der Rechtsabteilung der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft mbH zeigt, dass die RP den entscheidenden Punkt nicht einsieht (oder nicht einsehen will). Mit der Korrektur des Artikels (Nennung von Stefan und mir im Text) sei die Angelegenheit erledigt, eine rechtliche Grundlage für weitere Forderung (= Anerkennung der Urheberschaft) wird nicht gesehen.

Es ist aus der Sicht der RP also nicht urheberrechtlich relevant, wenn ein Ranking mit einer Reihe selbstgewählter Kriterien erstellt und eine Bewertung aus der Sicht eines Experten vorgenommen wird. Da bin ich ja mal gespannt, aus was noch alles die RP in Zukunft schöne Klickstrecken macht.Die treiben bekanntlich die Klickzahlen und damit die Werbeerlöse nach oben.

Ach ja, und ich zitiere noch einmal von den Seiten des BVDZ: “Es steht einem jeden frei, das Angebot der Presseverleger anzunehmen, Leistungen der Online-Presse zu gewerblichen Zwecken zu vervielfältigen. Nur wer dieses Angebot für die Zwecke eigener Gewinnerzielung annimmt, muss dafür ein vertragliches Entgelt zahlen. Andersrum scheint das nicht zu gelten.

Update 07.02.2011: Heute hat sich Rainer Kurlemann, Chefredakteur von RP Online, per E-Mail bei Stefan Reinermann gemeldet und für die Übernahme des Artikels um Entschuldigung gebeten. Zudem ist er bereit, “…auch wenn die Rechtslage offenbar anders ist…”, das übliche Honorar für einen solchen Artikel zu bezahlen. Damit hat sich aus meiner Sicht die Vernunft in der Redaktion gegen die Sicht der Juristen im Verlag durchgesetzt. Schön, dass es das noch gibt.